Mensch, ist der Kerl riesig. Aber was ist das? Die Frau links geht auf ihn zu und wird bei jedem Schritt größer. Als sie bei ihm ankommt, reicht auch sie fast bis zur Decke. Das kann doch nicht wahr sein, was der Blick durch den Spion in der Tür da verheißt.

Endlich darf der verwirrte Besucher die Tür öffnen und eintreten. Nun klärt sich das Rätsel: Der Raum ist nicht, wie es durch den Spion den Anschein hatte, rechteckig, sondern an einer Ecke langgezogen. Die Decke ist auf dieser Seite höher, die Fenster sind seltsam schief. Und das Schachbrettmuster des Bodenbelages besteht aus Trapezen und nicht aus Quadraten, wie es von außen wirkte. Unser Gehirn erwartet jedoch überall gleiche Winkel und einen rechteckigen Raum. Dementsprechend interpretiert es das Muster, das ihm das Auge meldet, als normales Zimmer. Nur stimmt dann die Körpergröße der Personen darin nicht mehr.

Die seltsame Stube, in der Fachwelt Ames-Raum genannt, füllt das Erdgeschoß des fünfstöckigen Mohrenturms in der Nürnberger Stadtmauer. Dort ist ein Museum untergebracht, das den fünf Sinnen gewidmet ist - und wie uns diese Sinne zuweilen täuschen.

An einem Fenster steht eine Art Fernrohr. Schaut man hinein, ist nur ein schmaler heller Strich zu sehen. Der vermeintliche Schau-ins-Land ist nur eine Röhre, die am hinteren Ende bis auf einen Schlitz verschlossen ist. Wird das Rohr vors Auge gehalten und schnell von einer Seite zur anderen geschwenkt, dann erscheint plötzlich die Silhouette der mittelalterlichen Nürnberger Burg. Aus den dürftigen Informationen, die durch den Schlitz ins Auge gelangen, setzt das Gehirn rasch ein komplettes Bild zusammen.

Im Turm der Sinne geht es nicht nur um das Sehen. Der Besucher darf an Riechautomaten schnuppern und an Geschmackstabletten lutschen. Und da drüben liegen zwei unscheinbare schwarze Klötzchen aufeinander. Zuerst werden sie zusammen hochgehoben. Lüpft man dann nur das obere, das halb so dick ist wie das andere, könnte man schwören, es sei schwerer als beide zusammen. Wieder spielt einem die Erwartung einen Streich: Die Hand stellt sich automatisch auf eine um zwei Drittel leichtere Last ein und wird völlig überrascht, weil der kleine Klotz fast soviel wiegt wie beide zusammen. Denn der kleine ist aus Blei, der große hingegen aus Balsaholz.

An einer Tretorgel läuft der Besucher über große Tasten im Kreis und spielt so eine ganz besondere Tonleiter: Die Töne scheinen immer höher zu steigen, egal wie lange man herumgeht. Diese Illusion rührt von einer geschickten Kombination der einzelnen Töne aus mehreren Frequenzen her.

In einer Ecke erzählt eine Stimme davon, wie die Rockband Pink Floyd deutsche Volksweisen in ihre Songs eingewoben habe. So sei etwa bei Another Brick in the Wall an einer Stelle deutlich zu hören: "Hol ihn unters Dach." Über Kopfhörer wird die Passage eingespielt, und man wundert sich, die deutschen Worte selber vorher noch nicht bemerkt zu haben. Natürlich ist die Geschichte frei erfunden und demonstriert, daß jeder nur hört, was er zu hören erwartet. In Wirklichkeit singt die Band "all in all you're just ...", was dem deutschen Satz nicht einmal besonders ähnlich klingt.