Für die italienische Politik ist heute der Schutz gegen diese englischen Kolonialwünsche das wichtigste Ziel. Die Italiener betrachten es schon als Erfolg, daß die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Kolonialfrage bis April vertagt hat und daß Italien hierbei nicht nur die Unterstützung Südamerikas, sondern auch die der USA und der arabische Länder fand. Doch dies ist nur ein Aufschub, denn die Amerikaner und vor allem die Franzosen zeigten anderseits ein erhebliches Verständnis für die britische Haltung. Es könnte sein, daß im Rahmen außenpolitischer Auseinandersetzungen die Kolonie nur noch Tauschobjekt sind, wobei durch russische Manöver die italienische Position empfindlich verschlechtert werden kann. Die Italiener haben nun die für sie immerhin günstige Stimmung auf der Pariser Versammlung der UNO benutzt, um über ihren Botschafter in Washington einen Kompromißvorschlag zu unterbreiten. Sie seien damit einverstanden, so heißt es, daß die Cyrenaika unter britische und Fezzan unter französische Treuhänderschaft kommt, wollen auch Abessinien Zugeständnisse machen, falls die anderen kolonialen Gebiete, also vor allem Tripolitanien, bei Italien bleiben. Außerdem könnten die Mitglieder des Atlantikpaktes mit strategischen Stützpunkten in den italienisch bleibenden Kolonien rechnen. Der italienische Generalstabschef soll hierüber während einer Amerikareise verhandelt haben. Da französische Vorschläge während der UNO-Versammlung auf der gleichen Linie lagen, dürften Meldungen zutreffen, Schuman habe während der Verhandlungen in Cannes dem Grafen Sforza zugesagt, sich für eine solche Lösung in London, Washington und Moskau einzusetzen. Frankreich, durch Jahrzehnte wegen Tunis, Nizza und anderer strittiger Fragen mit Italien in Fehde, ist zum Verbündeten Nr. 1 geworden.

Dieser neue Geist spricht zwar keineswegs aus den Beschlüssen des außenpolitischen Ausschusses der Nationalversammlung über die Kraftwerke der Grenzbezirke, aber die Grundlinie nicht nur der italienischen, sondern auch der französischen Außenpolitik liegt in Richtung einer italienisch-französischen Zusammenarbeit und einer italienisch-französischen Führung beim Aufbau einer europäischen Föderation. Sie hat damit zugleich eine betont antibritische Spitze. Graf Sforza, in Frankreich als Vorkämpfer dieser Idee aus der Zeit nach dem ersten Weltkrieg gefeiert, sieht in dieser Politik ferner die einzige "Aussicht, auch Deutschland zu helfen". Die erste Etappe dieser Politik ist für ihn die französisch-italienische Zollunion. Diese soll schon im Jahre 1950 grundsätzlich verwirklicht werden. Der vorbereitende Ausschuß wird am 5. Januar in Paris wieder beginnenden Beratungen des ständigen Ausschusses zum Studium der Europäischen Union. Die italienische Zielsetzung ist hierbei klar: Man wünscht eine Brüsseler Pakt eine Frontstellung gegen die Sowjetunion vermeidet und eine Eingliederung Deutschlands ermöglicht. In eine solche italienische Zielsetzung gliedert sich auch das so unterschiedlich gedeutete und zum Teil scharf kritisierte Abkommen mit der Sowjetunion ein, das kürzlich abgeschlossen wurde. Es ist in der angelsächsischen wie auch in der neutralen Presse als eine Extratour bezeichnet worden und wurde mit der Haltung Italiens gegenüber den Mächten des Dreibundes vor dem ersten Weltkrieg und mit dem deutsch-russischen Rapallo-Vertrag des Jahres 1922 verglichen. Dabei wurde der Schluß gezogen, Italien habe während der Dezemberverhandlungen der UNO über seine Kolonien seinen Willen zu einer unabhängigen Außenpolitik und zu einer eventuellen Neutralität im Rahmen der außenpolitischen Auseinandersetzungen dokumentieren wollen. Der Vertrag rechtfertigt solche Deutungen an sich nicht. Er ist durch den Friedensvertrag vorgezeichnet und brachte Italien einige Erleichterungen bei den Reparationszahlungen, erhöhte Absatzmöglichkeiten in der Sowjetunion wie auch eine neue Ausgangspunkt für die so wichtigen Handelsbeziehungen mit Südosteuropa. Die Sowjetunion liefert Rohstoffe und Getreide, Italien vor allem Erzeugnisse seiner Produktionsmittelindustrie, wie Krane, Baggermaschinen, elektrische Kabel, elektrische Lokomotiven, Elektromotoren, Turbinen, Werkzeugmaschinen, sogar Schwimmdocks und Handelsschiffe. Dieser Vertrag ließe sich also in eine Politik der europäischen Föderation einordnen, könnte aber ebensogut auch eine neue Politik einleiten, falls weitere Enttäuschungen ähnlich dem Beschluß des außenpolitischen Ausschusses der französischen Nationalversammlung folgen sollten oder Italien vielleicht gar seine kolonialen Hoffnungen dahinschwinden sähe. Die Regierung de Gasperi hat immerhin dokumentiert, daß sie mit Moskau normale Beziehungen unterhält und damit zugleich der kommunistischen Propaganda im Inland den Wind aus den Segeln genommen.

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