Die Entzauberung von Mythen ist offenbar chic. Nachdem Dirk Maxeiner und Michael Miersch ihr umstrittenes Lexikon der Öko-Irrtümer auf dem Markt gebracht haben und Das neue Lexikon der populären Irrtümer die Bestsellerlisten erobert, will Till Bastian nun die "populären Irrtümer der Medizin" entzaubern. In seinem neuen Buch Krankheit auf Rezept? trägt er tatsächlich viele Mißstände der modernen Medizin zusammen. Was allerdings laut Klappentext "bahnbrechend" sein soll, entpuppt sich als wortreiche medizinischphilosophische Betrachtung von Krankheit und Gesundheit, die wenige wirklich neue Gedanken enthält.

Eigentlich geht es Bastian auch nur vordergründig um Entmythologisierung. Der ehemalige Arzt und jetzige Schriftsteller und Publizist möchte eher die Mediziner zum Nachdenken darüber bewegen, ob sie nicht schon längst das Wohl ihrer Patienten aus dem Auge verloren haben. Zugleich fordert er die Patienten auf, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen. Sie sollen sich bewußtmachen, daß sie häufig ihrer eigenen Gesundheit und dem Wohle anderer zuwiderhandeln.

So erklärt Bastian beispielsweise, daß Vitamintabletten meist überflüssig sind, und fragt sich, warum die Hersteller der Präparate dennoch so viel Geld damit verdienen. Zugleich staunt er darüber, daß andere überlebenswichtige Nahrungsbestandteile kaum Beachtung finden: "Es verwundert immer wieder, wie wenig Aufmerksamkeit der weitverbreitete Jodmangel findet, der recht exakt beziffert werden kann und obendrein leicht zu beheben wäre." Ein anderer "populärer Irrtum" ist für ihn die Ansicht, außergewöhnliche Belastungen schlügen notwendigerweise auf die Gesundheit. Im Gegenteil, schreibt Bastian, Streß "kann genossen werden". Schaden würde nur der ständige, nicht verarbeitete Dauerstreß, der sogenannte "Distress".

Das ist freilich für informierte Mediziner ein alter Hut, genauso wie die Klage Bastians über das immer noch zuwenig beachtete Wechselspiel zwischen Körper und Psyche. Krankheit, so meint der Autor, sei in den Augen vieler Ärzte ein rein äußerliches Phänomen, das von dem Patienten Besitz ergreife. Dabei sei an jedem Leiden die Psyche des Patienten mehr oder weniger stark beteiligt. Konsequent fordert er, das Gebiet Psychosomatik solle Pflichtfach für alle Mediziner werden und nicht länger Zusatzausbildung für einige wenige Fachärzte sein. Alles unzweifelhaft richtig, wenn auch wenig originell. Ähnlich ist es auch mit der Kritik Bastians am Irrweg der modernen Diagnostik: Es stimmt, daß deren Mittel immer aufwendiger und verfeinerter wurden, zum Teil sogar gefährlicher für die Patienten, ohne daß die Diagnosen wirklich effektiver geworden sind. Und Bastian hat durchaus recht, wenn er schreibt, "daß in der Mehrzahl aller Erkrankungen und Befindlichkeitsstörungen eine exakte Diagnose gar nicht möglich ist". Nur: So oder so ähnlich hat man dies alles schon einmal irgendwo gelesen.

So sind es weniger die Aktualität und Brisanz der Diagnosen, mit denen der vielschreibende Redakteur der Zeitschrift Arzt & Gesundheit Meriten sammelt. Eher lebt sein Buch von der Vielfalt der Beispiele und Zitate, mit denen Bastian seine Argumente stützt, die sein Buch dennoch lesenswert machen. Den Ratschlag, sich weniger um die Bekämpfung von Krankheiten als vielmehr um die Erhaltung der Gesundheit zu kümmern, kann man schließlich nicht oft genug hören. Und anstelle auf die neuesten Fortschritte der Apparatemedizin etwa gegen Herzkrankheiten zu hoffen, sollte man lieber mit Bastian die "Renaissance einer Kultur der Pausen" fordern und die "Gelegenheiten zur Muße, zur Besinnlichkeit und Sinnlichkeit" nutzen, wo immer sie sich bieten.

Was jedoch überrascht, ist die pessimistische Grundhaltung des Buches, die das Gefühl vermittelt, die Menschen würden immer kränker werden. So fördert Bastian unabsichtlich, wovor er gleichzeitig warnt: Hypochondrie und Gesundheitsfanatismus. Und auch an anderen Stellen geht der eigentlich gut informierte, um Ausgewogenheit bemühte und bestens belesene Ator populistischen Thesen auf den Leim. Er macht zum Beispiel den übertriebenen Ehrgeiz und die Unzufriedenheit vieler Männer in der "Midlife-crisis" dafür verantwortlich, daß im Alter von 45 bis 65 Jahren Männer wesentlich häufiger an Herz-Kreislauf-Krankheiten sterben als Frauen. Dabei übersieht Bastian den herzschützenden Effekt des weiblichen Geschlechtshormons Östrogen, der sich in dieser Altersgruppe besonders deutlich auswirken dürfte.

Enttäuscht wird, wer von dem Autor einfache Rezepte erwartet. So fordert Bastian in Anlehnung an ein Zitat des amerikanischen Literaten Henry David Thoreau ein neues, individuelles Gesundheitsgefühl: "Es besteht in der Kraft, auf den inneren Trommler zu hören." Wie das funktioniert, verschweigt Bastian indes. "Am wirksamsten wird sein, was am meisten Spaß macht", schreibt Bastian beispielsweise über Entspannungstechniken. Allgemeingültige Universalrezepte zur ewigen Gesundheit gebe es jedoch keine, denn: "Daß wir just nach solchen suchen, ist bezeichnend - und Teil des Problems."