Immer, wenn eine Amnestie für DDR-Unrechtstäter gefordert wird, klingt das, als sei die Welt zwischen Saßnitz und Sonneberg voll von Beschuldigten und Verurteilten. Als würde westdeutsche Siegerjustiz das "Zusammenwachsen" verhindern. In Wahrheit hat sich der Rechtsstaat nicht unmäßig streng gezeigt mit den Taten der DDR-Elite. Von mehr als 20 000 Ermittlungsverfahren mündeten gut 200 in eine Verurteilung. Nur 22 Angeklagte mußten ins Gefängnis - und die aus gutem Grund. Ein "Strafverfolgungsbeendigungsgesetz", wie es die PDS will, wäre falsch, weil alle Taten, die nach zehn Jahren nicht ohnehin verjährt sind, nun wirklich eine Strafe erfordern.

Die Ungerechtigkeiten, unter denen einstige DDR-Bürger leiden, sind andere. Tausendfach werden Schulabschlüsse nicht anerkannt, Renten gekürzt, Ostdeutsche bei der Vergabe von Jobs benachteiligt. Wenn das neue Deutschland über seine Geschichte redet, meint es ganz selbstverständlich nur die der alten BRD. Wie viele Westdeutsche wissen, wer der erste Ministerpräsident der DDR war? Aber jeder Ostler soll gefälligst Adenauer kennen. Anerkennung, nicht Amnestie ist nötig im Jahr 10 nach dem Mauerfall.