SONGS

W arum gerade er? Aus der langen Reihe der Pianisten, aus dem Überfluß bemerkenswerter Trio-Aufnahmen und der Legion sensibler Standardinterpretationen zwischen Jazzlokal und Konzertsaal, warum gerade Brad Mehldau?

Das veröffentlichte Bild, möglicherweise? Den Rücken tief gebeugt, mit der Zigarette zwischen den Lippen, den Kopf fast auf Tastenhöhe, sucht der weiße, blasse Pianist seine Töne, den Blick nach innen gekehrt. Die Wiederkehr von Bill Evans oder Glenn Gould mag da unbewußt im Kopfe spuken, oder erinnert sich da jemand an George Wallington beziehungsweise Dodo Marmarosa?

Das musikalische Image vielleicht? Werther nennt Mehldau den Musikverlag, dem er seine eigenen Kompositionen anvertraut, den deutschen Titel Sehnsucht wählt der 27jährige amerikanische Pianist für das Stück, mit dem er sein Album Songs beschließt, es ist Volume 3 einer Reihe, die er - nicht eben bescheiden - The Art Of The Trio bezeichnet. Formbewußt und technisch versiert sind auch die anderen Pianisten von Fred Hersch über Marcus Roberts zu Jacky Terrasson. Bewunderswert. Berühren kann mich nur Brad Mehldau.

Langsamen Schrittes, Ton in Ton, beginnt mit Song Song das Album, der Baß von Larry Grenadier trägt die Melodie, das Klavier übernimmt, der Baß tritt einen Schritt zurück, Trennung und Wiederfinden im Trio mit dem taktvollen Schlagzeug des Katalanen Jorge Rossy, das alte, schöne Spiel. Unvermeidlich ziehen vor dem inneren Ohr die Klaviergiganten vorbei, die Trio-Formationen von Oscar Peterson, Bill Evans oder Keith Jarrett schlucken die Gegenwart mit ihrer übermächtigen Präsenz und werden doch in den Hintergrund gedrängt, wenn Mehldau in seiner polyphonen Welt versinkt.

Parallel laufen die Stimmen, die Melodie geht nahtlos von der rechten in die linke Hand über, dann wieder dient die rechte der linken, beide bieten melodische Raumdeckung, variable Gleichberechtigung an Stelle starrer Arbeitsteilung. Dynamisch, transparent, könnte einem dazu einfallen, ein impressionistisches Eilen manchmal - allein, es erklärt zuwenig.

Songs meint nicht nur Standards, es umfaßt auch Kompositionen von Radiohead oder Nick Drake, Popsongs, die unter den Händen Mehldaus zu Standards werden, wie das Frank-Sinatra-gedehnte Young At Heart oder das neoromantisch getragene Bewitched, Bothered And Bewildered - Tönemalen zum Zuschauen. Er spielt seine eigene Welt, braucht nur sich und die Musik, es ist zu spüren.