Seine bunten Folien kann Hans-Dieter Lambertz von der Düsseldorfer Unternehmensberatung KPMG in der Tasche lassen. In zwei Minuten hat er seinen Betrieb den Erstsemestern in der Aula der Uni Witten-Herdecke vorzustellen. Er wird brav beklatscht, und dann ist schon der nächste dran: ebenfalls ein Unternehmensberater, der junge Leute für die Arbeit beim Bundesverband der Wirtschaftsberater sucht. Zwei Dutzend Firmen präsentieren sich auf dem sogenannten Heiratsmarkt, den die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Wittener Privatuniversität jedes Jahr dreimal veranstaltet - darunter ein mittelständischer Baumarktzulieferer aus der Region, ein Naturkosthersteller und Großunternehmen wie Gerling oder die Deutsche Telekom. Alle haben ein Ziel: Sie möchten die Studienanfänger für eine Mitarbeit in ihrem Unternehmen gewinnen.

Das Interesse an ihrer Arbeitskraft irritiert die Studenten. Wenige Wochen ist es erst her, daß sie sich einem Testverfahren unterzogen haben, um einen der begehrten Studienplätze in Witten-Herdecke zu ergattern. Und jetzt soll sich schon die Wirtschaft um sie reißen? Einige haben sich an das Brötchenbuffet zurückgezogen und überlegen, bei welchem Angelhaken sie anbeißen sollen, denken aber auch laut über ihre Grenzen nach: "Im Bereich Unternehmensberatung zu arbeiten", sagt Florian Berthold, "das traue ich mir nicht so richtig zu. Vielleicht nach dem Vordiplom."

Noch am selben Abend bilden sich Gesprächsgruppen von Unternehmensvertretern und Studenten. Es werden Visitenkarten verteilt und erste Termine vereinbart. Zufrieden lächelnd beobachtet Gerd Walger die Szene. Der Professor möchte alle seine Erstsemester an sogenannte Mentorunternehmen vermitteln - nicht nur für ein Praktikum, sondern für eine kontinuierliche Mitarbeit. "Wir wollen von Anfang an die Theorie mit der Praxis verbinden", erläutert er das Studienkonzept der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät. "Wenn junge Leute einige Semester nur Theorie gelernt haben, fällt ihnen der Einstieg in die Praxis schwer", sagt Walger. Deshalb sollen die Erstsemester einen Tag pro Woche in ihrem Mentorunternehmen arbeiten. Was sie dort lernen, wird in den Uni-Seminaren am theoretischen Lehrstoff überprüft. Und umgekehrt: Das Gepaukte findet sogleich seine erste Anwendung im Arbeitsleben.

Mentorunternehmen hoffen auf Innovationsgeist

An interessierten Unternehmen herrscht in Witten-Herdecke kein Mangel. Die Mentorenliste umfaßt zur Zeit 570 Namen, und jedes Jahr kommen 50 weitere dazu. Ein Drittel dieser Partner sind Niederlassungen ausländischer Unternehmen und gut die Hälfte ist in einem Umkreis von 100 Kilometern angesiedelt. Die lange Liste ist nicht das Ergebnis offensiver Werbetätigkeit. "Wir sind eine offene Universität", erklärt Walger. Kontakte zur Wirtschaft gehörten auch für die Dozenten zum Alltag. Die 300 Studenten der Wittener Wirtschaftsfakultät nutzen dieses Angebot. Einige Studenten wechseln im Laufe des Studiums zu einem zweiten Mentorunternehmen, um weitere praktische Erfahrungen in einer anderen Branche zu sammeln.

Die Aussicht, nach dem Examen in dem Mentorunternehmen Karriere zu machen, spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle - zumindest für die Studenten. Die Unternehmen werben zum Teil schon auf dem Heiratsmarkt offensiv um potentielle Mitarbeiter. "Wir haben derzeit 1200 Mitarbeiter", sagt zum Beispiel KPMG-Manager Hans-Dieter Lambertz, "und bis zum Jahre 2003 wollen wir diese Zahl verdoppeln."

Die meisten Unternehmen hoffen, bereits heute von den Ideen und vom wachsenden Fachwissen der jungen Leute zu profitieren. Gerade von den Studenten der Wittener Privatuniversität erwartet man offensichtlich einen besonderen Innovationsgeist. "Die Studenten könnten uns bei der internationalen Ausrichtung unseres Betriebes helfen", sagt Christian Haller, der an diesem Abend den Staubsauger- und Teppichbodenhersteller Vorwerk vertritt. Ein Betrieb lebe eben nicht nur vom handwerklichen Können seiner Mitarbeiter, sondern auch von ungewöhnlichen Ideen. "Besonders für traditionelle Unternehmen ist frischer Wind überlebenswichtig", sagt Haller.