Sein heißt wahrgenommen werden und Dichter sein heißt als Dichter wahrgenommen werden. Als der Dichter, er heißt Wondratschek, eine Zeit lang in Wien war, habe ich ihn oft wahrgenommen, zum Beispiel in der Gegend des Ronachers, eines Hauses der Vereinigten Bühnen Wiens auf der Seilerstätte, wo er - es war schon herbstlich - unverdrossen und im warmen Mantel dahinschritt. Die eingesessenen Dichter von Wien haben zuwenig von der Präsenz des Gastes Gebrauch gemacht. Einmal, so wurde mir berichtet, sollte wohl eine Art Schauprozeß gegen Wondratschek stattfinden: Für eine Diskussion über das Wesen der Lyrik wurden in Wien lebende Dichter, die - wie soll ich es sagen - die Sprache reflektieren, dem Dichter aus Deutschland entgegengesetzt, der die Sprache nun wirklich nicht reflektiert. Unter der Leitung des führenden Germanisten Wiens, der auch die Sprache reflektiert, wurde Wondratschek zuerst ein bißchen an die Wand diskutiert. Dann aber erhob sich eine Dame und sagte: "Ich weiß nicht, was die vielen Klugheiten bedeuten; ich weiß nur, ich mag Wolf Wondratschek und seine Gedichte." Darauf hat sich der Dichter nicht lumpen lassen und ein Kußhändchen nach der Dame geworfen.

Ich bin immer auf der Seite derer, die irgend etwas reflektieren. Der Schmäh mit der größeren Unmittelbarkeit zieht bei mir nicht. Aber ich gebe zu, daß das Dichtersein auf verschiedene Arten präsentiert werden muß: von szientifisch-sensibel bis zu unmittelbar-eingeweiht - alles Rollen, deren Inhaber schwer gegen ihre Austauschbarkeit kämpfen müssen. Wondratschek arbeitet als der Leiblich-Sinnliche. Nicht eine Zeile hatte ich von ihm gelesen, als ich ihn plötzlich im Fernsehen sah. Er sagte gerade, daß man im Puff heutzutage alles bekäme, einen "anständigen Fick" aber nicht. Ich zweifelte keine Sekunde daran: Hier spricht der Dichter! In der Gozagagasse beim Friseur habe ich den ersten Text von Wolf Wondratschek aus einer schmuddeligen Illustrierten herausgerissen; es war ein Text über "die Liebe", und der Text war, wie es sich für einen Dichter gehört, unbeschreiblich.

Aber was hat das alles mit seinen Gedichten zu tun, die jetzt unter dem lapidaren Titel Die Gedichte in der btb-Reihe erschienen sind? Zunächst enthält der Band einige bisher unveröffentlichte Arbeiten, darunter die Wiener Gedichte 1996/1998. Viele sind's nicht, aber Frühling in Wien I-IV wurde immerhin vertont: Uraufführung am 10. Mai 1998 bei Stimmen im Frühling auf Schloß Ludwigslust in Mecklenburg-Vorpommern! Gern wär' ich auf Ludwigslust, zur Sicherheit bin ich aber der Haltestelle Sensengasse nahe geblieben. Haltestelle Sensengasse heißt ein Gedicht aus Wien von Wondratschek: "Niemand in der Stadt / ist berühmter als der Tod." Und am Schluß lautet es wahrheitsgemäß: "Keine Angst. Du gewöhnst / dich an seine Geduld." Was will man schon mehr vom Leben?

Literaturgeschichtlich ist Wondratscheks westdeutsche Lyrik eine Probe auf das Exempel der Amerikanisierung. Er war too much für euch, Leute heißt ein Gedicht Zum Tod des Dichters Rolf Dieter Brinkmann, in dem auch vom "ACID-Buch" die Rede ist, einer Sammlung amerikanischer Lyrik, die Brinkmann herausgegeben hat (zusammen mit Ralf Rainer Rygulla). Es ist Wondratscheks Kunst, direkt und scheinbar ohne Tradition von sich zu reden und von dem, was einen so berührt, wenn der Tag lang ist und ein Augenblick intensiv. Das Imperfekte springt, neben den schönen, in ihrer Art vollkommenen Gedichten, oft in die Augen: "Du weißt wie Tage vergehn / eine Nacht ist lang genug, um durchzudrehn." Wenn auch der Dichter nicht anders kann, der Leser kann daraus einen Kunstgriff machen und es sich gefallen lassen. Zeilen von Wondratschek sind Motto eines Films geworden, den die einen sehr mögen und die anderen gar nicht: "Der alte Mief. Alles geht schief. / Und die mörderische Frage, wer mit wem schlief ..."

Auch im Film war es die Person Wondratschek, die ein Schauspieler nachahmte, das heißt: der Schauspieler ahmte die Maske eines Wondratschek genannten Menschen nach, die sich auch bei der Lektüre der Gedichte im Kopf des Lesers abzeichnet. Der leibsinnliche Wondratschek mit seinen Liebesgedichten, mit seinem schlampig genialischen Gerede, mit seinen Auftritten und seinem Image ist ein Ganzes, ein sehr vitales Kunstprodukt, das ich für einen Dichter halte. Die Frage, die eine zeitgemäße Dichtung an die Sprache stellt, nämlich: Wer spricht?, wenn einem die Worte von den Lippen fließen, beantwortet dieser Dichter eindeutig: Es spricht Wolf Wondratschek, und ich glaube, oft findet auch "die Avantgarde" keine besseren Antworten.