Bonn

Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des Optimismus. Am Ende dieses zu Recht pessimistischen Jahrhunderts beginnt sich Selbstbewußtsein auf dem Kontinent mit seiner angeborenen Schwarzseherei zu regen.

Natürlich wird kein Europäer diese Charakterschwäche zugeben. Sie ist intellektuell nicht respektabel. Zukunftsfreude ist besonders den Deutschen zuwider, die eine Art von Zweckpessimismus als Instrument der Problembewältigung einsetzen. Sie sagen Krisen Jahre zuvor voraus und antizipieren alles, was möglicherweise falsch laufen könnte - um dann heimlich ihre schwarzen Szenarien für Korrekturen zu nutzen, die die Krise neutralisieren, wenn sie schließlich da ist. Während dieses Prozesses weisen sie selbstverständlich jede Beschuldigung zurück, daß sie im Herzen echte Optimisten sein könnten.

Aber lassen Sie uns die Beweise ansehen. Irland, beispielsweise, ist zum ersten Mal seit der großen Hungersnot zu einem Einwanderungsland geworden. Elf souveräne Staaten geben beinahe ohne ein Wimpernzucken ihre Mark, ihren Franc und ihren Gulden auf, um sich in eine neuartige Währungsunion zu stürzen. Was noch mehr zählt, die fünfzehn EU-Mitglieder vertrauen heute einander. Sie erfreuen sich, wie der Historiker Paul Johnson sagt, des Friedens länger als zu irgendeiner Zeit ihrer Geschichte - und diese sehr neue Kultur wächst.

Die Überraschung der Ära nach dem Kalten Krieg ist nicht das altmodische Blutvergießen auf dem Balkan und im Kaukasus, am Rande Europas, sondern die Ausweitung der neuen Zone von Sicherheit und Wohlstand im Herzen Europas bis hin zum unbeständigen Osten. Polen und die Ukraine, Ungarn und Rumänien imitieren ganz bewußt die deutsch-französische Versöhnung und verdammen ihre uralten Streitigkeiten. Polen, Ungarn und die Tschechische Republik bemühen sich gemeinsam mit Estland und Slowenien, den 80 000 undurchdringlichen Seiten der EU-Gesetzgebung ohne Murren zu gehorchen.

Die Förderer dieses Prozesses behaupten natürlich bei jeder neuen Entwicklung mit hochgezogenen Augenbrauen, daß sie diese optimistischen Sprünge nur unternehmen, um deren pessimistische Alternativen zu vermeiden. In einer Ära der Interdependenz und Globalisierung, sagen sie, sei jeder europäische Staat zu klein, um alleine mit den Problemen fertig zu werden. Wenn sie ihre Macht nicht bündelten, heißt es, würden sie gewiß in den Ozonlöchern und in den blitzartigen weltweiten Transfers von Milliarden von Dollar untergehen.

Der Euro ist ein kühnes Experiment