An einem Junitag des Jahres 1994 spazierte ein junger Mann von 20 Jahren durch Weimar. Verglich Straßen, Plätze, Kirchen mit den Fotos in dem Album seiner Mutter. Er selbst erinnerte sich an nichts, denn er war erst zwei Jahre alt gewesen, als sie damals nach Riga zogen. Schließlich blieb Andrejs Vlascenko vor dem Nationaltheater stehen, blickte zu Goethe und Schiller auf ihrem Sockel empor und versuchte in freudiger Verwirrung ein Heimatgefühl zu empfinden, denn in dieser Stadt war er geboren worden. Als Russe.

Inzwischen war er ein Lette. Doch in Lettland hatte er keine Zukunft für seine Karriere als Eiskunstläufer gesehen, und so war er im Sommer 94 heimgekehrt in ein fremdes Land. Er bat um eine Startgenehmigung für die Deutsche Eislauf-Union und ließ sich mit seiner Trainerin Anjelika Surupowa in Stuttgart nieder.

Seither ist Andrejs Vlascenko schon dreimal deutscher Meister geworden. Bei der Europameisterschaft im vergangenen Jahr fehlte ihm eine einzige Preisrichterstimme zu einer Bronzemedaille, die für die Deutsche Eislauf-Union die frustrierende Zeit von 14 medaillenlosen Jahren beendet hätte. Seit den aufregenden Jahren 1981 bis 1984, als Norbert Schramm, Rudi Cerne und Heiko Fischer zur Weltelite zählten, waren die deutschen Eiskunstläufer kaum Mittelmaß.

Bei der kommenden Europameisterschaft Ende Januar in Prag könnte Andrejs Vlascenko als einer der musikalisch ausdrucksvollsten Läufer der Welt sogar den Titel gewinnen - wenn ihm der vierfache Salchow gelingt. Dann würde bei der Siegerehrung die deutsche Hymne für einen Letten gespielt, der eigentlich längst aus dem Land sein sollte. Denn im vergangenen Juni bekam Vlascenko vom Amt für Öffentliche Ordnung in Stuttgart die Aufforderung, Deutschland binnen zweier Wochen zu verlassen. Seine Aufenthaltsgenehmigung war abgelaufen.

Er hat sich um die deutsche Staatsangehörigkeit beworben, die wurde ihm aber bislang mit der Begründung verweigert, es bestünden behördliche Zweifel, ob er sich "in deutsches Lebensverhalten" einordnen könne. Im Mai 1995 war ihm wegen Trunkenheit am Steuer der Führerschein entzogen worden, elf Tage danach wurde ihm aufgrund der Anschuldigung einer Eislaufmutter aus seiner Wahlheimat Stuttgart "Fahren ohne Führerschein" zur Last gelegt. Die Polizeibeamten hatten ihn allerdings auf dem Beifahrersitz vorgefunden, er selbst sagte, er habe das Fahrzeug lediglich für einen Bekannten aus der Parklücke manövriert.

Als er 17 war, gab es die Sowjetunion nicht mehr Vlascenko, der ohne deutschen Paß bei den Olympischen Winterspielen 1998 in Nagano nicht starten konnte - bei Olympia achtet man noch streng auf die Nationalität - , war lettischer Eiskunstlaufmeister, als er 1994 in seinen Geburtsort Weimar zurückkehrte. Ein Vierteljahr vorher war er in der lettischen Olympiamannschaft von Lillehammer noch Symbolträger des freien Lettlands gewesen. Für die Letten blieb er gleichwohl ein Russe. Schließlich hatte er, Sohn des sowjetischen Armeeoffizers Oleg Wlaschenko, als er in Riga in die Schule ging, mit den anderen gesungen: "Meine Heimat ist kein Haus, keine Straße, meine Heimat ist die Sowjetunion ..." Auf russisch, Lettisch war die Sprache der Subversion.

Als 17jähriger erlebte er die Unzuverlässigkeit von Heimatbegriffen, denn es gab keine Sowjetunion mehr. Nun wurde Russisch zur Sprache der Subversion. Der vom Sowjetbürger zum Letten gewandelte Andrei Wlaschenko mußte seinen Namen lettisch in Andrejs Vlascenko umbuchstabieren. Beim lettischen Eislaufverband sagten sie zu ihm: "Du kannst zwar lettischer Meister werden, aber Unterstützung bekommst du von uns trotzdem nicht. Du hast ja nicht die lettische Sprachprüfung." Immerhin hatte er da schon Thomas Mann im Original gelesen, weil er auf der Schule statt Lettisch Deutsch gelernt hatte. "Ich dachte, du bist in Deutschland geboren, dann solltest du auch die Sprache können."