In ihrem amerikanischen Reisepaß steht der Name Winona LaDuke. Bei ihrem Stamm heißt sie Biinaysiikwe, das bedeutet in der Sprache ihres Volkes "Donnervogel-Frau". Ihre Stimme kommt ziemlich knapp aus dem Hörer. "Ich bin viel unterwegs", sagt sie. Ein scharfes "Yes", ein kurzes "No", selten ein kompletter Satz. Doch auch mit "Yes" und "No" läßt sich ein Treffpunkt vereinbaren.

Winona LaDuke, die Donnervogel-Frau, wohnt in einem Blockhaus zwischen lichten Birken. Vom Fenster aus geht der Blick auf einen der rund 10 000 Seen dieser Gegend. Eines Morgens nach Sonnenaufgang, gerade nachdem die Nebelfetzen über dem Wasser verzogen waren, hatte sie dort draußen bei ihren Pferden gestanden. In den Händen hielt sie eine handtellergroße Muschelschale, in der ein Bündel indianischer Salbei vor sich hin glühte; den aromatischen Rauch hatte Winona ihren Pferden rund um Kopf und Körper geblasen, dabei Unverständliches in der Sprache ihrer Ahnen flüsternd. Die beiden Appaloosas spitzten die Ohren und schienen zu verstehen.

Später nach dem Ritual befragt, gab sie Auskunft, sie mache das immer so, wenn sie aus der Ferne oder mit fremden Menschen nach Hause zurückkehre; es beruhige die Tiere und sie selber.

Tage später hatte sie draußen in den Wäldern Kräuter gesammelt. Büschelweise rupfte die Indianerin Blätter von kniehohen Sträuchern, dann griff sie in eine Tasche, in der sie Tabak mitgebracht hatte, um hier und dort eine Prise davon an die Wurzeln des Heilkrauts zu streuen. Und wieder murmelte sie in Ojibwe fremde Worte. Auf dem Rückweg erklärte sie, wenn man die Heilkraft der Pflanzen in Anspruch nehme, müsse man auch ihnen etwas schenken. "Es ist das Problem der Weißen und damit der ganzen Erde", sagte sie, "daß sie immer nur nehmen, aber nie zurückgeben."

Die Ojibwe-Indianer lebten einst in den endlosen Wäldern westlich der Großen Seen. Heute ist von dem riesigen Stammesgebiet nicht viel übriggeblieben: ein Reservat im Norden Minnesotas, eine Autostunde von der kanadischen Grenze entfernt.

Ein paar Meilen von hier plätschert ein flacher Bach zwischen rundgeschliffenen Felsen aus einem See. Ein grünes Schild informiert den unwissenden Besucher, daß der Bach von dieser Stelle an Mississippi heißt. Deshalb kommen auch Touristen in die sonst eher gottverlassene Gegend. Gern besuchen sie dann die Handelsstation, wo es zu kaufen gibt, was die Ojibwe in ihren Hütten produzieren. Stickereien aus winzigen Perlen. Rindenkanus als Spielzeug. Dreamcatcher, die über das Bett gehängt werden.

Einmal in der Woche kommt auch die Donnervogel-Frau hier vorbei. Dann bringt sie, was bei ihr im Reservat produziert wird: Ahornsirup, schwarzen indianischen Wildreis, Maiskörner, in kleinen Säckchen verpackt.