Noch ist die Jagdsaison in vollem Gange, und so lesen wir im Journal, es muß wohl so sein, Tag für Tag von den Tragödien, mit denen das Waidwerk das ländliche Frankreich heimsucht: ein Bruder hier, der von einer Kugel, die dem Wildschweine galt, im Dickicht niedergestreckt wurde, ein Schwager dort, der sich von einer Ladung Kaninchenschrot durchlöchert fand, ein Pirschgenosse, der sich versehentlich selber durchs Gesäß schoß.

Vielleicht sind die Blutopfer unvermeidlich, die der Volksjagd - einer der glorreichen Errungenschaften der Revolution - Jahr für Jahr dargebracht werden. Der Rang, den jene Passion im Leben unserer Nachbarn einnimmt, ergibt sich aus dem Hinweis, daß eineinhalb Millionen Franzosen in der Union nationale des Chasseurs organisiert sind: einer mächtigen Lobby, die im vergangenen Jahr, wie man sich erinnert, die Regierung ohne Umstand in die Knie gezwungen hat. Ein Defilee protestierender Jäger zog im Juni lärmend durch die Straßen von Paris. Auf den Tribünen saßen die Kommunisten neben den Vertretern der Nationalen Front, die Sozialisten neben den Gaullisten, um ihre Empörung gegen eine europäische Verordnung zum Ausdruck zu bringen, die den 31. Januar als das Ende der Saison für die Vogeljagd bestimmt. Die grüne Umweltministerin Dominique Voynet, die sich für jene Regelung ins Zeug warf, sah sich einer Flut von Schmähungen ausgesetzt - und keiner ihrer Kollegen nahm sie in Schutz, auch nicht der Premierminister. Die Mehrheit der Deputierten in der Nationalversammlung erließ prompt ein Gesetz, das die Erlaubnis zu Abschuß und Fang unserer gefiederten Freunde um einen Monat verlängert.

Dabei sollte es bleiben, denn alle Fraktionen, die Grünen ausgenommen, fürchten bei den kommenden Europawahlen die Konkurrenz einer Jägerpartei, die schon 1989 und 1994 um die vier Prozent der Stimmen kassiert hat, was vor allem den Sozialisten bitteres Ungemach bereitete. So beugte sich der Regierungschef Jospin dem Druck der gewaltigen Majorität. Er hätte leicht den Verfassungsrat anrufen können, um feststellen zu lassen, was man ohnedies gut genug weiß: daß europäisches Recht nationale Gesetze bricht. Nichts anderes befanden unterdessen die französischen Verwaltungsgerichte. Sie wiesen die Präfekten an, dem europäischen Recht Geltung zu verschaffen. Frankreich droht, wenn es weiter darauf besteht, sich seinem kollektiven Jagdfrevel hinzugeben, ein Verfahren vor dem europäischen Gerichtshof. Jeder Tag des Ungehorsams soll überdies mit einer Konventionalstrafe von 700 000 Franc belegt werden. Das ergäbe rasch ein hübsches Sümmchen.

Was nun? Will die Regierung den Vertragsbruch riskieren, um eine fragwürdige exception française zu verteidigen? Oder wird sie couragiert genug sein, einer offenen Revolte des Landvolkes ins Auge zu sehen, von dem Le Monde zu Recht sagt, es profitiere so üppig von den Segnungen der Europäischen Union? Mit Dankbarkeit, das ist leider gewiß, darf nicht gerechnet werden - um so weniger, da der Konflikt an archaische Gewohnheiten rührt, für die leidenschaftliche Jäger - siehe oben - jedes Opfer auf sich nehmen. Brüssel aber will nicht nur die Schonzeit verlängern, sondern die Jagd auf diese und jene edlen Vögelchen ganz und gar untersagen, zum Beispiel auf die tirilierenden Lerchen, auf Kurzschnabelgänse, vor allem aber auch die köstlichen Waldschnepfen, von denen jährlich zwischen 20 000 und 50 000 Exemplare lebendigen Leibes gefangen, im verdunkelten Käfig gestopft und schließlich, wenn fett genug, in altem Cognac ersäuft werden, um hernach mit allen Knöchelchen verspeist zu werden: eine Delikate sse, die sich François Mitterrand sozusagen noch auf dem Sterbelager servieren ließ. Damit soll, im Namen Europas, ein für allemal Schluß sein, denn die berühmtberüchtigten ortolans sind vom Aussterben bedroht. Die Schnepfen rächen sich: für den armen M. Jospin ist in der Tat kein Ausweg aus dem Dilemma sichtbar. Le Monde nannte die Lage katastrophal.