Kürzlich fand sich in der FAZ das Wort Illusionsneurose. Nanu, dachte ich, eine neue Neurose? Wo die doch seit 20 Jahren alle aus den Diagnosehandbüchern der Psychiatrie verschwinden? Berlin, hieß es, sei eine Illusionsneurose und plage jene Bücher, die heute über diese Stadt geschrieben werden, mit Ausnahme des einen (von Jakob Arjouni), worin das Wort Illusionsneurose erfunden wurde. Das Buch hat also eine, die ist Berlin - und wird im übrigen kuriert, indem jemand die Stadt "vom alten Sockel" holt. Alles klar? Um so besser, Unschärfe macht ein Wort erst richtig scharf und dieses offenbar so attraktiv, daß es sofort in die ZEIT übersprang: "Die Stadt hat unter Illusionsneurosen ... einfach nicht gelitten." Hier also ist die Stadt niemandes Neurose mehr, sie hat selber eine, sogar mehrere, oder vielmehr keine von ihnen, denn gemeint ist Bonn. Nun, die Kulturkritik hat es schwer, und man möchte ihr jede Metapher gönnen, die eine Erklärung vorgaukelt. Der freizügige Gebrauch von pseudo-psychiatrischen Metaphern ("schizophren!") aber hat eine leidige Folge: Er trägt bei zum allgemeinen Mißverständnis psychiatrischer Krankheiten.