Wenn Naturschützer Geld als zentrales Argument gegen Verkehrsprojekte anführen, spitzen Experten aufmerksam die Ohren. Genau das ist zur Zeit bei den Verkehrsprojekten Deutscher Einheit 16 und 8 der Fall. Die Thüringer-Wald-Autobahn und die ICE-Trasse Nürnberg-Erfurt würden nämlich nicht nur das in Thüringen schlagende grüne Herz aus Sicht des Naturschutzes ramponieren. Sie würden vor allem für viel Geld der Region gar nichts und für Benutzer aus ganz Deutschland wenig bringen.

Gerade der letzte Punkt ist in Zeiten äußerst knapper Kassen in Bonn oft entscheidend für die Realisierbarkeit eines Vorhabens. Satte 548 Milliarden Mark veranschlagt der Bundesverkehrswegeplan bis zum Jahr 2012. Darin als Kernpunkte enthalten sind die siebzehn Verkehrsprojekte Deutscher Einheit, die der frühere Bundesverkehrsminister Günther Krause planen ließ. Das Ziel lautet schlicht, den wirtschaftlichen Aufschwung im Osten mit diesen neun Schienen-, einem Wasserstraßen- und sieben Autobahnprojekten zu sichern. Nach einhelliger Meinung der Fachleute reicht das Geld aber keinesfalls für alle siebzehn Vorhaben. Neue Prioritäten könnten durch eine Novellierung des gesamten Verkehrswegeplans gesetzt werden.

Eine solche Überprüfung durch das Parlament sei ohnehin bereits 1997 vorgeschrieben gewesen, erinnert der Verkehrsexperte der Grünen-Bundestagsfraktion, Albrecht Schmidt. Einvernehmlich haben sich die Fraktionen damals auf eine Verschiebung bis nach der Bundestagswahl geeinigt. Jetzt aber müsse man dringend ran, fordert Schmidt. Nicht nur, weil das Geld nicht reicht. Sondern auch, weil die Vorgaben nicht mehr stimmen, die Verkehrsminister Krause 1992 ausarbeiten ließ. Die Verkehrsprognosen, für die vor allem die Autobahnen ausgelegt werden, stellen sich zunehmend als völlig überzogen heraus. Parallel dazu steigen die Kosten massiv. Die Schere zwischen Nutzen und Kosten geht also immer weiter auseinander.

Am heftigsten wehren sich Verbände wie der BUND Naturschutz vor allem gegen die Thüringer-Wald-Autobahn, das Verkehrsprojekt Deutscher Einheit 16. Von Erfurt führt diese Autobahn A 71 über Ilmenau nach Süden bis Suhl. Dort soll sie sich in zwei Äste teilen und Anschlüsse nach Süd- und Nordeuropa wie auch zu den Niederlanden schaffen. Es soll eine für Gesamteuropa wichtige Verbindung entstehen. Bereits 1992 bestätigte die Bundesregierung diese Überlegungen - sie meldete das Projekt als europäische Verkehrsmagistrale bei der EU in Brüssel an. In einem farbigen Prospekt zu den Verkehrsprojekten Deutscher Einheit stellte der damalige Verkehrsminister Krause das Ganze jedoch anders dar: "Erschließung des südthüringischen Raumes, Verbindung der Thüringer Wirtschaftszentren mit Franken und Herstellung von Verkehrsverbindungen zur A 7/A 70 Schweinfurt/Stuttgart/Ulm bzw. zur A 73/A 9 Bamberg/ Nürnberg/München" heißt es da. Aus dieser Diskrepanz schüren sich auch die Befürchtungen der Bevölkerung in den Regionen Thüringens und Frankens. Während ihnen der wirtschaftliche Aufschwung durch die geplante Autobahn versprochen wird, könnte am Ende neben den Abgasen vor allem eine zerstörte Landschaft bleiben.

Genau diese Landschaft aber ist das eigentliche Kapital der Region, meint Hubert Weiger, der Landesbeauftragte des BUND Naturschutz in Bayern. Die betroffenen Regionen in der Vorderrhön und dem Thüringer Wald sind aus Sicht von Naturschützern und Tourismusexperten noch weitgehend intakt. Orchideen und Schwarzmilan aber sind allemal wichtigere Aspekte für Feriengäste als die gute Erreichbarkeit über eine Autobahn, die mit ihrem Lärmteppich die Erholung stört. Die Hoffnung auf mehr Arbeitsplätze wegen besserer Erreichbarkeit kontert Weiger so: "Warum hat dann die Stadt Schweinfurt mit Anschluß an gleich drei wichtige überregionale Autobahnen, die A 3, die A 7 und die A 70, die höchste Arbeitslosenquote in ganz Bayern?" Diesen Argumenten scheinen auch die Bewohner in der Region zu glauben; Bürgerinitiativen gegen das Verkehrsprojekt Deutscher Einheit Nummer 16 gibt es jedenfalls flächendeckend entlang der geplanten Strecke.

Bei den Planfeststellungsverfahren, die bereits laufen, versuchen die Behörden und Autobahndirektionen daher mit allerlei Tricks die Proteste zu umgehen, berichtet Helmut Schultheiß vom BUND Naturschutz. Als Beispiel nennt er die 14 Kilometer lange Teilstrecke A 71 Pfersdorf-Münnerstadt in Unterfranken. Dort deckte der BUND Naturschutz Fehler auf, die zeigen, wie wenig die Planung mit der Realität zu tun hat. Durchschnittlich fahren Lkw mit 80 Kilometern pro Stunde auf deutschen Autobahnen, heißt es da. Aus dieser Geschwindigkeit wird dann die Belastung mit Lärm und Abgasen für die betroffene Bevölkerung berechnet. Ein Blick auf den Tacho bestätigt dagegen auf jeder deutschen Autobahn ohne Stau, daß der normale Lkw eher Tempo 100 als 80 fährt. Das bedeutet aber einen gewaltigen Sprung bei den Abgas- und Lärmwerten. Obendrein fehlen nach wie vor elementare Schutzmaßnahmen für das Grundwasser - dabei läuft über die Hälfte der 14 Kilometer durch eine Schutzzone, welche die Wasserversorgung der Region sichert.

Unmittelbar vor der Bundestagswahl im September hat der damalige Verkehrsminister Matthias Wissmann noch schnell den ersten Spatenstich für den Tunnel durch den Hauptkamm des Thüringer Waldes getan. Der Abschnitt Erfurt-Suhl der A 71 wird sich wohl kaum mehr verhindern lassen, meint daher Albrecht Schmidt von den Grünen. Diese Strecke aber ist wenigstens verkehrspolitisch sinnvoll und zerstört erheblich weniger intakte Naturräume als auf den beiden geplanten Autobahnästen von Suhl nach Schweinfurt und Bamberg. Deshalb findet sich auch Richard Mergner, der Verkehrsreferent des bayerischen BUND Naturschutz, mit der Fertigstellung dieses Abschnittes ab. Für den Rest aber fordert er genau wie der Grüne Schmidt und zahlreiche Bürgerinitiativen entlang der Trasse einen Verzicht auf das Autobahnprojekt.