Parteifreunde, ach! Geteert und gefedert hätten sie ihn am liebsten. Und das bloß, weil er in seinem Buch darüber nachzudenken wagt, daß der Osten auch auf Dauer "kein zweiter Westen" werde - weshalb seine Partei, die CDU, vielleicht doch eine gewisse, gelegentliche Kooperation mit der PDS nicht ausschließen solle. Bekreuzigt haben sie sich bei dem Gedanken, die lieben Freunde. Parteiausschluß et cetera.

Heiner Geißler gerät an den Rand. Und das verrät tatsächlich mehr über die CDU als über ihn. War die Wahlniederlage und die Abwahl des Kanzlers, diese Premiere, wirklich unvermeidlich? Geißlers Antwort, "voller Empörung und Zorn" niedergeschrieben: Nein!

Man mag an der These herumdeuteln, aber die schonungslose Analyse von Geißler macht klar, daß die CDU vor keinen Fragen nach den Ursachen für ihren Machtverlust zurückschrecken darf. Wider besseres Wissen, so Geißler, hatten führende Christdemokraten "den Mut nicht, ihrer Verantwortung gerecht zu werden", also Kohl in den Arm zu fallen, bevor er seine nochmalige Kandidatur durchsetzte und die CSU auch noch mitwirken ließ bei der Demontage Wolfgang Schäubles.

Geißler schließt mit Recht tiefgreifende Um- und Neuorientierungen, auch neuartige Konfliktlinien in der Wählerschaft nicht aus. 1998 könne es sich in diesem Sinne um die deutsche Variante einer critical election gehandelt haben. Sein Rat: Die Ost-CDU müsse eine gewisse Selbständigkeit anstreben, "mit eigenen inhaltlichen Akzenten, so wie die Schwesterpartei in Bayern". In dem Sinne müsse sie sich auch ihren "inneren Widerspruch" klarmachen, ehemalige Kommunisten wie Gorbatschow oder Gyula Horn zu preisen, PDS-Anhänger aber als Aussätzige zu behandeln.

Inhaltlich moniert er, daß die CDU das Bündnis für Arbeit habe platzen lassen, sich die These von der "Konsenssoße" aufschwätzen ließ, die für den "Reformstau" verantwortlich sei, und am Ende mit ihrem neoliberalen Kurs auch weggerückt sei aus der Mitte. An der Stelle kommt man zum Herzstück des Buches, zum Kern von Geißlers Denken: Kompetent verteidigt er den Sozialstaat, der sich durchaus selbst korrigiert habe.

Dennoch, gerade da wird der Autor ungenau. Ist die CDU wirklich einen neoliberalen Weg gegangen, oder war ihr Problem nicht, daß sie die verschiedensten sozialökonomischen Richtungen zugleich einschlagen wollte? Zudem muß man auch Geißler fragen, ob sich der Sozialstaat, also der rheinische Kapitalismus, ganz voluntaristisch verteidigen lasse. Irgendwann flicht er ein, das schönste Wachstum in der Wissensgesellschaft werde tendenziell mehr Arbeitsplätze abbauen als schaffen. Die Frage ist also, ob Geißler sich nicht selbst den Blick auf das grundsätzlich Neue verstellt, auf die strukturellen Veränderungen der Erwerbsgesellschaft, die wiederum das Sozialsystem erodieren lassen.

Geißler schreibt vornehmlich als Politiker, er ist mit Leib und Seele Parteimensch, wenn auch kein Parteisoldat. Er ist meinungsstark, aber kein Meinungssoldat. Über vieles kann man mit ihm streiten. Seine Stärke bezieht er unverändert aus der Fähigkeit zum prinzipiellen Denken. Mit solchen Prinzipien, die er anwendet auf den Sozialstaat, auf Ausländer und Minderheiten, auf Menschenrechtsfragen, nicht zuletzt auf europäisches Denken, ließe sich eine moderne Partei und eine kompetente, starke Opposition durchaus vorstellen.