Was sind wir doch normal geworden. Vor wenigen Wochen stimmte der Bundestag mit überwältigender Mehrheit allem zu, was - vor dem Machtwechsel - den damaligen Oppositionsparteien noch als Zumutung erschienen wäre: peace-keeping im Kosovo, Bestrafungsaktion gegen Saddam Hussein - die Deutschen sind dafür. Und der Protest dagegen? Ein paar Leute hielten Schilder hoch.

Die Konsensgesellschaft beschweigt ihre außenpolitische Revolution. Nur nicht darüber reden: nicht darüber, ob es angehen kann, daß der Wehrpflichtigenarmee stillschweigend eine neue Aufgabe nach der anderen zugeschoben wird; nicht darüber, daß auch die moralischsten Begründungen aus einem peace-keeping-Einsatz keine Friedensdemo machen. Und nicht darüber, ob es womöglich nötig wird, das Kriegsbild zu korrigieren.

Das Echo auf mein Buch Das Handwerk des Krieges wäre nicht weiter interessant, wenn es sich nicht durch eines ausgezeichnet hätte: Diskussionsverweigerung. Die Forderung nach einer Diskussion, ob die künftigen Aufgaben der Bundeswehr nicht besser bei einem Berufsheer aufgehoben wären, entstamme, so hieß es in der Woche, dem "militärische(n) Rechtfertigungs-Repertoire". Zweifel an der Realitätstüchtigkeit der Parole "Nie wieder Krieg" - angesichts der unbestreitbaren Präsenz des Krieges gleich nebenan - gelten geradezu als Kriegshetze. Der goldene Ölzweig fürs Pappkameradenschießen gebührt indes der Rezensentin des Spiegels. Ihr gelang es, aus meiner Warnung vor allzu großer Selbstgewißheit - weder sind die Bürger einer Demokratie gegen die Versuchungen des Krieges immun, noch ist die moralische Begründung von militärischen Aktionen stets unzweideutig und friedensfördernd - ein Plädoyer für die Abschaffung der Demokratie und die Verdammung von Humanität und Menschenrecht herauszulesen. Aus dem Hinweis darauf, daß nationales Interesse den Krieg eng anbindet, also begrenzt, las sie gar "die Botschaft": "Ein Krieg um Öl ist angemessen, ein Krieg um Menschenrechte ist es nicht." Nirgendwo in meinem Buch ist von einer solchen Botschaft die Rede.

Das ärgerliche an solch dumpf-linken Reflexen ist, daß sie die Diskussion drängender Probleme verhindern. Wer auch nur einen Gedanken an all diejenigen verschwendet, die in künftigen, womöglich häufiger werdenden militärischen Aktionen ihren Kopf hinhalten sollen, an die Soldaten der Bundeswehr, dem kann bei dieser Arbeitsteilung zwischen demonstrativer Friedfertigkeit des linken Rezensionsfeuilletons und realpolitischer Zustimmung in anderen Ressorts nicht ganz wohl sein. Für Bundeswehrsoldaten geht es nämlich mit wachsender Wahrscheinlichkeit ums Leben - jedenfalls nötigt ihnen diese, heute erst schwache, Möglichkeit eine Auseinandersetzung mit der künftigen Rolle der Armee auf. Die Öffentlichkeit indes verweigert die Debatte und befaßt sich nicht weiter mit der ungeliebten Institution, deren Einsatz sie gleichwohl hinnimmt. Die Bundesdeutschen leisten sich den Luxus, ihrer Armee mehr und mehr Aufgaben aufzubürden und sie zugleich abzulehnen. Im besten Fall reagieren sie auf die Bundeswehr und ihre Soldaten abgewandten Blicks - mit dem ansonsten verpönten "Wegschauen".

Dieses kollektive Beschweigen verhindert eine ehrliche Debatte über das, was man von der militärischen Macht in einer zivilen Gesellschaft erwarten kann und worauf sie, im Gegenzug, ein Anrecht hat.

Zugegeben: Es sind lauter unschöne Dinge, die wir zu diskutieren hätten. Das zum Beispiel, was vielen als die wichtigste Lehre aus zwei Weltkriegen gilt, die Parole "Nie wieder Krieg" nämlich, drückt nur noch einen Wunsch, aber keine Realität mehr aus. Es herrscht Krieg in Europa, ob wir das wollen oder nicht. Und "friedenssichernde" oder "friedensstiftende" Aktionen sind, da hilft keine Schönfärberei, militärische Einsätze, bei denen es Tote geben kann. "Nie wieder Auschwitz", die andere Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg, hat das Diktum "Nie wieder Krieg" verdrängt; die SFor-Truppen haben bewiesen, daß man mit militärischer Dominanz vielleicht nicht gleich Frieden schaffen, aber doch Völkermord verhindern kann.

Damit ist das Dilemma jedoch nicht ausgeräumt, im Gegenteil: damit fängt es erst an.