Wer rausgeht, muß auch wieder reinkommen, wußte der alte SPD-Vormann Herbert Wehner. So gesehen könnte man Klaus Zwickel eigentlich viel Spaß wünschen bei seinem Vorhaben, "aufzustehen und zu gehen", sollte die Tarifpolitik ein Thema beim Bündnis für Arbeit werden. Fraglich bloß, ob es das Bündnis noch geben wird, wenn der mächtige IG-Metall-Chef erst einmal aus der Tür ist. Zwickel, obschon Urvater der Bündnis-Idee, könnte zum größten Risiko des ganzen Projektes werden.

Es ist kein glanzvolles Schauspiel, das Zwickel und seine Kollegen seit einiger Zeit darbieten. Den Anstoß gab Wirtschaftsminister Werner Müller mit seiner vorsichtigen Bitte, die Gewerkschaften möchten doch bei ihren Lohnforderungen nicht vergessen, daß die Regierung durch niedrigere Steuern und höheres Kindergeld bereits für ein wenig mehr Kaufkraft sorge. Reflexhafte Empörung hat er damit geerntet. Nicht allein, daß es von wenig Selbstvertrauen zeugt, wenn jede Äußerung zur Lohnpolitik als Angriff auf die heilige Tarifautonomie dramatisiert wird. Öffentliche und offene Worte sind noch immer etwas ganz anderes als ein faktischer Eingriff in die Vertragsfreiheit der Tarifparteien.

Ausgerechnet jene, die Oskar Lafontaine anfeuerten, als er die Politik der - unabhängigen - Bundesbank kritisierte, reagieren nun beleidigt bis drohend, wenn ihre eigene Politik zur Diskussion gestellt wird. Und ausgerechnet jene, die Lafontaines Staatssekretär Heiner Flassbeck zu ihrem Helden kürten, als er kräftige Lohnerhöhungen forderte, schlagen nun auf Müller ein, weil der vorsichtig zur Mäßigung rät. Das ist, milde gesagt, inkonsequent - was natürlich auch für die Arbeitgeber gilt: Wer sich die Ratschläge Flassbecks verbittet, sollte sich ebenso gegen die Ermahnungen Müllers verwahren.

Aus besseren Gründen ließe sich nur zweierlei gegen derartige Interventionen einwenden: Erstens holen sich Politiker stets eine blutige Nase, wenn sie sich zu den Löhnen äußern - also könnten sie es gleich lassen. Zweitens haben es sich die Gewerkschaften in der Vergangenheit verkniffen, höhere Steuerbelastungen bei Tarifverhandlungen wieder hereinholen zu wollen; nun wollen sie nicht in die Pflicht genommen werden, wenn es auch einmal andersherum geht.

Nur zählen diese bewährten Argumente derzeit nicht, und der Grund ist eben das Bündnis für Arbeit. Niemand soll ja am Tisch des Kanzlers Tarifverträge unterschreiben. Aber es hieße, die besondere Konfiguration eines solchen Paktes gründlich mißzuverstehen, wenn gerade die Löhne ausgeklammert werden sollen. Jeder der Beteiligten - Gewerkschaften, Staat, Arbeitgeber - muß seine Handlungsoptionen auf den Tisch legen; über alle Parameter des Arbeitsmarktes muß, auch öffentlich, diskutiert werden können. Ausgerechnet der Preis der Arbeit soll nicht dazugehören?

Wer zudem auf erfolgreiche Bündnisse im Ausland verweist, sollte nicht verschweigen, daß dort Verabredungen über die Lohnpolitik stets dazugehören. Und es ließe sich ja in Deutschland eine sehr viel differenziertere Debatte denken als der bloße Austausch ausgeleierter Parolen von trivialisierter Kaufkrafttheorie einerseits und schlichter Angebotsideologie andererseits, gegen die es jeweils gewichtige Argumente gibt. Auch das lehren die Erfahrungen der Nachbarn.

Am Anfang aller Bündnis-Konzepte steht die Einsicht, daß die verschiedenen Politikbereiche wie kommunizierende Röhren zusammenhängen. Schon vor der Wahl war etwa klar, daß niedrigere Steuern und Abgaben den Tarifparteien Luft verschaffen sollten. Man mag streiten, ob die bisherigen Schritte ausreichen. Das Prinzip in Frage stellen sollte man deshalb nicht.