Als Präsident der Berliner Ärztekammer machte Ellis Huber seit 1987 bundesweit Furore. Jetzt kam er der sicheren Abwahl zuvor, indem er seine erneute Kandidatur zurückzog. Das ist in demokratisch verfaßten Organisationen ein normaler Vorgang. Dennoch ist der Fall Huber ein Signal.

Wie kein anderer unter den bekannteren Standesfunktionären verkörpert Ellis Huber eine kleine, wenn auch wachsende Gruppe innerhalb der deutschen Ärztezunft. Diese meist schweigende Minderheit müht sich, die zunehmende Ökonomisierung der Medizin zu Lasten der Kranken, ihrer Krankenversicherungen und letztlich auch der Lohnnebenkosten aufzuhalten. Als überzeugter "alternativer" Ärztevertreter hat Huber dieser Gruppierung Gehör verschafft und den überwiegend konservativen Stand von links her mit unkonventionellen Denkanstößen aufgemischt.

Daß so einer überhaupt in die Spitze einer Ärztekammer aufrücken konnte, ist ebenso bemerkenswert wie jetzt die drohende Abwahl, träte er noch einmal an. Zum Meinungsumschwung der Berliner Ärzte dürften seine treffenden und ätzenden, manchmal auch allzu flotten Sprüche - "Liebe statt Valium" oder "Ethik statt Monetik" - viel beigetragen haben. Seine Provokationen wurden von den Medien gierig aufgegriffen. Doch hätten gerade in der Ärzteschaft, die eher von unpolitischem Konservativismus geprägt ist, leisere Töne gelegentlich mehr bewirken können.

Das heißt allerdings nicht, daß Ellis Huber auch nur ein Jota von seinen Positionen zurückzunehmen hätte. Seine massiv geführte Fehde gegen die Rezeptblock- und Apparatemedizin war und ist berechtigt. Ebenso sinnfällig ist seine Kritik an dem korrumpierenden Honorarsystem, das zum Punkteschinden verführt, oder an dem überbordenden Einfluß der Pharmalobby auf die Ärzteschaft. Mit der Positivliste empfehlenswerter Arzneimittel, die er für Berlin initiierte, wollte er die ebenso teure wie nutzlose "nationale Tablettenneurose" (Huber) bekämpfen; der Versuch scheiterte am Widerstand der mächtigen Pharmaindustrie.

Günstig für Hubers bisheriges Wirken war nicht nur das eher linkslastige Klima der Berliner Vorwendezeit. Wichtiger noch war, daß die Mediziner-Szene an der Spree schon immer offener war gegenüber Alternativen zum Etablierten als anderswo in Deutschland.

Schon deshalb muß der Rückzug von Ellis Huber, dessen Ambitionen auf ein politisches Amt in rotgrüner Umgebung sich bisher nicht erfüllt haben, nicht notwendigerweise auch den Sieg der konservativen Strömung innerhalb der Berliner Ärzteschaft bedeuten.

Der mögliche Nachfolger Günther Jonitz, bisher schon Vizepräsident der Ärztekammer, steht Huber inhaltlich keineswegs fern - seine Besonnenheit ist für manche Überraschung gut.