John Maynard Keynes könnte einem leid tun. Staatsmänner stürzten ihre Länder in Schulden, Sozialpolitiker schufen undurchschaubare Transfermaschinen, Gewerkschafter schraubten Löhne zu hoch - im Namen des bekanntesten Ökonomen dieses Jahrhunderts. Und nun feiert das, was nach seinem Tod im Jahre 1946 als Keynesianismus entstanden ist, ein Comeback. Unter anderem in Gestalt des deutschen Finanzministers. Was liegt näher, als das Original zu lesen?

Keynes, Volkswirt und Lebemann, Politiker und Börsenspekulant, wußte sich zu verkaufen. Seine Theorie lasse sich in einem totalitären Staat viel leichter umsetzen als traditionelle Ansätze, pries er sich im Vorwort der deutschen Ausgabe 1936 an. Sein größter Marketingcoup war aber der Titel des Hauptwerkes selbst: Die allgemeine Theorie ...

Die Klassiker hätten sich auf spezielle Annahmen verlassen, kritisierte Keynes die Vorgänger und beanspruchte, nun "den allgemeinen Fall" darzustellen. In der Tat traf Keynes mit seiner Kritik ins Schwarze - die zu simpel gestrickte Theorie seiner Vorgänger erklärte die Realität nicht. Aber sein Gedankengebäude erweist sich selbst als höchst speziell.

Ein begnadeter Autor, ein impulsreiches Buch: Die volkswirtschaftliche Debatte nach dem Krieg ist eine einzige Antwort auf die kühne Attacke des Briten - erst die Etatisten, die Keynes zum System erhoben und jede Konjunkturdelle mit zusätzlicher Staatsknete ausgleichen wollten, dann die Chicago-Schule Milton Friedmans, die eine neue Theorie nach der anderen dagegen abfeuerte.

Vieles hatte Keynes erkannt: Geld ist kein Schatten der Ökonomie, sondern wirkt direkt auf sie ein; Erwartungen über morgen beeinflussen, was die Akteure heute tun; Lohnsenkungen beseitigen nicht unbedingt die Arbeitslosigkeit; niemand muß darben, damit die Wirtschaft floriert - im Gegenteil: es bekommt ihr nicht, wenn die Einkommen allzu ungleich verteilt werden. Deshalb ist ein guter Staat mehr als ein Marktwächter.

Und doch blieb Keynes bemerkenswert inkonsequent. Auf Dauer sind die Menschen nicht so tumb, daß sie ignorieren, was die Mark morgen wert sein wird. Wenn der Staat mehr Geld in die Wirtschaft pumpt, steigt die Inflation; folglich wird der Lohn weniger wert. Die Menschen lernen das und fordern schon vorab höhere Löhne - die Folge: das zusätzliche Geld vom Staat verpufft. Außerdem steigen die Zinsen, wenn sich der Staat verschuldet, und die Unternehmer investieren weniger.

Bei Keynes passiert all dies nicht. Und das ist nun wirklich höchst speziell - mehr noch: in seiner Absolutheit gar nicht existent. Nicht einmal in der Krisenzeit zwischen den Weltkriegen, um die es dem Autor ging.