Mit einer Filmnacht im Wiener Akademietheater soll alles angefangen haben. Es war im vergangenen Frühjahr. Einar Schleef, nach seinem Triumph mit Elfriede Jelineks Sportstück in der Stadt fast über Nacht zum gefeierten Regiestar, zur Kultfigur aufgestiegen und inzwischen wieder auf der Suche nach einem großen Stoff, sah auf der Leinwand Carlo Goldonis Trilogie der Sommerfrische: diese Komödie einer maroden Bürgergesellschaft, die sich, unbekümmert um Schulden und drohenden Ruin, alle Jahre von neuem ins aufwendige Ritual der Ferien auf dem Lande stürzt - Glückssuche auf Pump. Es war eine Aufzeichnung jener fabelhaften Inszenierung Giorgio Strehlers an der Wiener Burg im Herbst 1974, unvergeßlich vor allem dank Andrea Jonasson als Giacinta. Warum sollte, ein Vierteljahrhundert später, nun an gleicher Stelle nicht ein neuer Anlauf, eine Annäherung aus heutiger Sicht gewagt werden? Goldoni, Strehler, Schleef - was für eine Konstellation! Und welche Assoziationen, welche Erwartungen ...

Eine Gesellschaft schlingert zwischen Bett und Börse

Vergessen wir Goldoni, vergessen wir Strehler - je schneller, desto besser. Man geriete unweigerlich ins beckmessernde Vergleichen, ins bloße Aufrechnen von Verlustposten. Angesichts eines Verständnisses von Theater, wie es Einar Schleef, dieser Alleskönner, Allesverwerter, dieser singuläre Gesamtkunstwerker, von Arbeit zu Arbeit fortentwickelt hat, angesichts seiner bekannten, berüchtigten Aneignungs- und Umwidmungsenergien wäre das eine ganz und gar unfruchtbare Prozedur. Auch die Genietat am Sportstück war, unter dem Aspekt der Texttreue, ein Mißverständnis - allerdings ein grandioses.

Nein, vom anmutigen Konversations- und Situationswitz des italienischen Komödiendichters und Theaterreformers ist rein gar nichts übriggeblieben, nichts auch vom psychologischen Interesse, das Goldoni seiner zentralen Figur, der jungen Venezianerin Giacinta, entgegenbringt, die zwischen Konvention und Emanzipation, Kalkül und Leidenschaft, zwischen Vernunft- und Liebesheirat hin- und hergerissen ist. Unnötig zu sagen: Auch mit Giorgio Strehlers ironisch-elegischen Stimmungen, mit seinem Versuch, in Goldoni den Tschechow des 18. Jahrhunderts zu entdecken, hat das alles nicht das geringste zu tun.

Mehr als die Ausgangslage einer Society von Müßiggängern und Parasiten, über die sich der Schatten einer kommenden Revolution legt, und mehr als ein paar äußerliche Figurenzuordnungen hat Schleefs Wilder Sommer mit Goldonis Trilogie nicht gemein. In Schleefs Bearbeitung ist ein komplett neuer Text entstanden, kein Stein auf dem anderen. Das Personal ist großzügig aufgestockt - da tummeln sich jetzt auch verarmte Aristokraten, Künstler, Sänger und asylsuchende Ausländer. Manche Rollen sind schlicht multipliziert, Einzelfiguren gehen in Kleingruppen und Chören auf. Und alle - Geschwister und Verwandte, Geschäftemacher und Bittsteller, Spekulanten und Exilanten - sind sie Beweisträger für eine furchterregend fundamentale These: "Der Wechselkurs bestimmt unser Leben" - so sagt es bei Gelegenheit auch der alte Geizkragen Bernardino (Wolfgang Gasser).

Ein Sittenstück soll es sein, das Porträt einer Gesellschaft, die zwischen Liebe und Liquidität, Bett und Börse schlingert. Der (Schuld-)Schein definiert das Sein, Geld- und Geschlechtsverkehr sind zum Verwechseln ähnlich. "Zustände", nicht eine "schlüssige Handlung" will Schleef zeigen; Blicke will er werfen "in eine sich zerfleischende Welt". Und wie auf einer hohen, schmalen Puppenbühne läßt er den langen, überlangen ersten Teil der Aufführung spielen: eine aufgerissene Hausfront, zwei Stockwerke mit weiß ausgeschlagenen Raumwaben links und rechts, Treppenaufgang in der Mitte, ein enges Dachjuchhe, Betrieb, wohin man sieht. Der komplette Gesellschaftskorpus als ein infernalisches Kasperltheater, in das man von den vorderen Parkettreihen trotz angestrengter Halsverrenkungen nur partiell Einblick gewinnt. Alle sind sie hier zusammengepfercht: Adlige, Bürgerliche, Dienerschaft, Außenseiter und Ausgestoßene - in der Speicherluke baumelt die Leiche eines Selbstmörders.

Schleef läßt parallel sprechen und gegeneinander spielen. Wir erleben die verwirrendsten Gleichzeitigkeiten: Kostümanprobe und Brüllorgie, Nacktauftritt und Schnatterballett, Familienhorror, Verzweiflungsmonolog, Tanzunterricht und einmal auch den unfreiwilligen Orgasmus einer Betschwester ... Es wird gezankt und geschrien, gesungen und geküßt, deklamiert und agitiert - alles zugleich. Die Gesellschaft: ein Tollhaus. Auflösungserscheinungen auf allen Etagen.