Falsche Hoffnungen gibt es nicht." Dieses Credo steht am Beginn eines ungewöhnlichen Ratgebers für Krebspatienten, dem eine seltene Gratwanderung gelingt: Optimismus zu verbreiten, ohne falsche Hoffnungen zu wecken.

Der Autor Michael Lerner, der am kalifornischen Commonweal-Institut für Gesundheits- und Umweltfragen mit Krebspatienten arbeitet, hat seine langjährigen Erfahrungen zu einem fast 700 Seiten dicken Buch verarbeitet, das wohl einzigartig ist. Wege zur Heilung will jenen Patienten helfen, die nicht nur ihren Tumor behandeln lassen, sondern das Krebsleiden als persönliche Aufgabe begreifen wollen. Unaufgeregt, ohne Polemik, aber mit sensibler Sprache führt Lerner Krebskranke sowie deren Angehörige durch den Dschungel der Krebstherapien in Schul- und Alternativmedizin.

Wie finde ich den für mich passenden Krebsarzt? Wie bewerte ich unkonventionelle Krebstherapien, die mir Heilung versprechen? Was bringt eine Ernährungsumstellung? Wie lebt und stirbt man menschenwürdig mit unheilbarem Krebs? Lerners Zugang zu diesen komplexen Fragen ist undogmatisch, er belehrt nicht über Sinn und Unsinn einzelner Therapien, sondern vermittelt dem Patienten statt dessen konkrete Entscheidungskriterien, anhand deren jeder seinen persönlichen Weg zur Heilung finden kann.

Es wird sicher manchen Schulmediziner schmerzen, wenn Lerner etwa über eine Studie berichtet, die angeblich die Wirksamkeit von Gebeten für Schwerkranke statistisch nachweist. Doch mit derartigen Angeboten will Lerner nicht Wunderglauben verbreiten, sondern Kranke unterstützen, sich auch im Angesicht von Krebs "heil" zu fühlen - unabhängig davon, ob sie nun medizinisch kurierbar sind oder nicht. "Eine einzige richtige Wahl gibt es bei keiner der großen und kleinen Entscheidungen, vor die uns eine Krebserkrankung stellt", schreibt Lerner, der stets die Einzelschicksale hinter den noch immer oft trostlosen Statistiken im Blick behält.

Wer die verworrenen Behandlungskarrieren von Krebskranken kennt, der ahnt, wie schwer es für Patienten sein kann, angesichts der schockierenden Diagnose Krebs ihren eigenen Weg zu finden. Was in den USA als patient empowerment längst ein treibender Faktor im Gesundheitssystem ist, bleibt hierzulande noch immer die Ausnahme. "Ein Patient, der seine Krankheit und seine Heilung als seine eigene Sache betrachtet, die er für sich bestmöglich angehen und als letzte Instanz entscheiden will, so etwas ist im wahrsten Sinne des Wortes noch ziemlich unerhört", schreiben die beiden deutschen Herausgeber Kurt Zänker und Bernd Niggemann von der Universität Witten/Herdecke in ihrem Vorwort.

Der kritische Patient ist noch immer unerhört

Vielen Patienten sei es einfach peinlich, bei der Suche nach medizinischer Versorgung das "gleiche kritische Konsumenten-Bewußtsein an den Tag zu legen wie beim Autokauf", schreibt Lerner gegen die "erlernte Hilflosigkeit" gegenüber Medizinern an. Gerade bei Krebs könne eine solche Haltung tödlich enden oder zumindest unnötiges Leid bedeuten. Kein Wunder, daß Lerner mit seinem Buch auch eine Brücke über den Graben zwischen Schul- und Alternativmedizinern schlagen möchte. Er grenzt von vornherein nichts aus, er mißachtet keine der Möglichkeiten, sondern setzt auf einen konstruktiven Dialog über den möglichen Nutzen psychologischer, nutritiver und immunstimulierender Methoden der Krebsbehandlung. Zwar stellt Lerner gleich zu Anfang klar, ihm sei "keine unkonventionelle Krebstherapie bekannt, die wissenschaftlich dokumentiert und systematisch zur Genesung führt". Trotzdem mag er derartige Therapieerfolge auf individueller Ebene nicht ausschließen und betont, daß einige alternative Krebstherapien den Krebs zwar nicht nachweisbar besiegen könnten, die Lebensqualität der Patienten jedoch mitunter "eindeutig verbessern".