In Bayern spielen sie seit je gerne "Komödi", dafür haben sie sogar - um ein obrigkeitliches Spielverbot zu umgehen - die "Passionen unseres Herrn" erfunden, als Gelübde (und was man dem Himmel gelobt hat, muß man halten, da kann kein Weltlicher einschreiten). Die Passion von Oberammergau ist nach wie vor ein religionstheatralisches Mordsspektakel erster Güte.

Im Devotionsgehalt gleich dahinter kommt Ludwig der Zweite: sein Leben wie nicht von dieser Welt, sein ideales Streben nach Schönheit und Frieden im Sphärenklang, sein umstrittener Tod, die möglicherweise leere Grabkammer, das Geheimnis des (durchlöcherten) Totengewands und sein Herz in der Gnadenkapelle zu Altötting, eingefüllt in eine Silbervase! Statt einer Brotvermehrung ist von ihm eine großartige Schlösservermehrung bekannt, statt schlicht über Wasser zu gehen, glitt er in Schwanenkähnen durch rotblaue Grotten und schlitterte, wie Nikolaus bimmelnd, durch schneeige Alpennächte. Dem Gang übern Starnberger See zog er das Untertauchen daselbst vor. Falls er nicht doch von Bismarck erschossen, von Gudden erwürgt, von Sisi entführt worden ist. Oder von Ringsgwandl vergackeiert.

Während nämlich noch zu Füßen von Neuschwanstein Bürgermeister, Komponisten, Hoteliers, Heimatnützer wie Heimatschützer beraten, ob und wie eine zu etwa gleichen Teilen Kini und Kommerz geweihte Musicalwallfahrtsstätte zu gestalten sei, hat der dortselbst angesiedelte Exkardiologe und Rockmusiker Georg Ringsgwandl flink in Tasten wie Saiten gegriffen und ein spaßiges kleines Musical gefertigt: Ludwig II. - Die volle Wahrheit. Es wurde eine halbe Sache. Wohl auch, weil Ringsgwandl einfach alles selber machen wollte (und durfte): Text, Kompositionen, Bühne, Hauptrolle.

Bloß die Kostüme hat Ann Poppel entworfen: glanzvoll und witzig, genau auf der Scheitellinie von Prunk und Halbseide, Kabarett und großer Oper. Was eben auf Ringsgwandls Libretto nicht zutrifft. Das ist ständig auf Hinterhofseite, flachst und albert sich durch einige altbekannte Ludwig-Topoi: daß er ein zahnkranker Modegeck und schwul war, daß er das Volk nicht, die Musik schon mochte; Wagner-Schwärmerei und Bismarck-Abhängigkeit, die Freundschaft mit Sisi, alles kriegt ein oder zwei Songs, fünf bis acht Scherzdialoge, aber grimmig oder schrill, wild, gemein und beißend wird es nie. Es bleibt lieb und ulkig und wird manchmal witzig.

Dialoge: Sagt Mutter, er solle endlich heiraten. Antwortet Ludwig, er habe an seinen Stallknecht gedacht. Drauf sie: "Bist du wahnsinnig? Der ist doch evangelisch!" (Gut, doch. Obwohl: Sie war selbst evangelisch.) Ludwig spaziert mit dem Psychiater, der ihn entmündigte, am See, faucht: "Da können Sie mich doch gleich umbringen!" Sagt Gudden: "Bin ich verrückt - einen Privatpatienten!" (Okay.) Ludwig lehnt Kriege ab, es seien schließlich lauter Verwandte von ihm, die da regierten. Sagt Bismarck: "Wenn nicht gegen die eigene Verwandtschaft Krieg führen - gegen wen denn dann? Die anderen haben uns doch gar nichts getan!" (Das ist sehr gut.)

Kabarett, freilich. Auch daß Ludwig Wagners Vorsingen unterbricht: "Wallala - Wie?", ist hübsch, und daß Wagner nach Polterpresto mit beherztem "Piss palt!" abgeht, erfreut uns lachlüsterne Laffen, aber das sind Inseln der Erheiterung zwischen den Untiefen des ganz Netten. Jörg Hube natürlich wieder zum Piepen, buschig mit Glatzkopf als Bismarck, silbenstechend; glatzig auch als Mutter und schwarze Witwe. Hube, mit vielen Dialekten gewaschen: fränkisch verzopft als Minister, klerikal mit eierlegender Kehlglucksstimme als dessen Nachfolger; meckernd, schäkernd, eine Rutsche neben der rotblaugrünen Showtreppe abwärts sausend und im Wallegang entschwebend - Hube ist in seinem Kasperl-Element, und Rufus Beck versucht ihm nachzufolgen, hat aber unzureichende Texte als Wagner (mit dem Keyboard unterm Arm), als Gudden und als Kardinal. Grellkomisch wie der Einfall an sich ist nur sein Auftritt als van Gogh mit verbundenem Gehörgang, schusselig und genervt von diesem anderen Spinner Ludwig.

Auch Annika Pages in enggeschnürter Büstenheberkorsage, ein schwarzer Lasterengel mit ebenso schwarzer Wuschelmähne, ist als Sisi ein geiler Lichtblick, und sie singt auch noch fabelhaft, rauh überhaucht und in Höhen schrammend wie Nina Hagen, hat einen prima Song über Diät und einen hingefetzten Ohrwurm, Hallo Wien, ich brauche Taschengeld, worauf der Chor klick-klack einfällt und die Arme schmeißt.