Roma aeterna oder die Stadt, die von der Herrschaft der Götter und des Herrgotts geprägt ist wie keine andere und deren Glanz auch im Abglanz dessen, was überlebt hat, immer und ewig zu erkennen ist. Was wäre die abendländische Kultur ohne die römischen Kaiser und ohne die römische Kurie? Eine rhetorische Frage. Aber wenn die Bonner Bundeskunsthalle jetzt ihre Ausstellungsreihe über Museumssammlungen kulminieren läßt in einer Vorstellung der Hochrenaissance im Vatikan, dann ist das eine kulturhistorische Anstrengung, die, kurz bevor Bonn nach Berlin zieht, auch ihre eigene kulturpolitische Pointe hat. Keine kunsthistorische Mühe (die sich in einem kapitalen Katalog niedergeschlagen hat) und keine technologischen Kosten (die Räume des Vatikans wie auch die von Raffael ausgemalten Loggien werden durch CAD-Programme virtuell transplantiert) wurden gescheut für diesen temporären Transfer. Und auch wenn zwei Bilder von Sebastiano del Piombo und ein unvollendeter Hl. Hieronymus von Leonardo eine Malerei überschriebene Abteilung real etwas unterbesetzt erscheinen lassen, so trägt doch gerade die Tatsache, daß hier keine Galerie der Meisterwerke zu bestaunen ist, dazu bei, daß das polyvalente Gesamtkunstwerk namens Vatikan um so eindrucksvoller präsent wird.

Nicht so sehr als Diener Gottes, sondern zuerst als Erben der römischen Kaiser und als Machtpolitiker und Mäzene in Gottes Namen verstanden sich Julius II., der aus dem Geschlecht della Rovere stammte, sowie die beiden Medici-Päpste Leo X. und Clemens VII., deren die Kunst und den Kirchenstaat prägende Herrschaft nur durch das kurze Pontifikat des frommen und bedürfnislosen Niederländers Hadrian VI. unterbrochen wurde. Zwischen Julius' II. Inthronisierung im Jahr 1503 und Clemens' VII. Tod im Jahr 1534 wurden Bramante mit dem Neubau der Peterskirche, Raffael und Michelangelo mit der Ausgestaltung der Sixtinischen Kapelle und der päpstlichen Gemächer beauftragt, umfaßte die "päpstliche Familie" bis zu 800 Mitglieder und wurde die Hofhaltung entsprechend aufwendig. Es waren aber auch die Jahre des kriegerischen Kräftemessens zwischen Kaiser und Kirche, die im Sacco di Roma ihren schrecklichen Höhepunkt hatten, der Verwüstung Roms durch kaiserliche Truppen am 6. Mai 1527, und die Zeit der Irritation durch den jungen Martin Luther, gegen den im Jahr 1521 die Bannbulle aufgesetzt wurde.

Die kurze und gloriose Geschichte des Vatikans als Machtzentrum der Hochrenaissance ist in der Bonner Kunsthalle mit Grandezza und Fachkenntnis in Szene gesetzt. Gleich am Eingang werden die Akzente sichtbar. Man geht auf eine römische Herkulesstatue zu, die den Weg weist in ein maßstabsgerecht reduziertes Modell des südlichen Teils des päpstlichen Cortile delle Statue, in dem die Kopie der Laokoon-Gruppe und andere Skulpturen und Bronzen den Anspruch auf das Erbe der Antike belegen. Und man sieht auf der anderen Seite die Porträtgalerie der Päpste und Kardinäle: Die Vereinigung von Marmor und Purpur. Ihre Folgen sind dann in einem Rundgang zu besichtigen, zu dessen Höhepunkten zum einen das kleine Kabinett der Raffael-Zeichnungen gehört, die zusammen mit der entsprechenden Kupferstichfolge und den Gipsabdrücken seine Arbeit an den Loggien umreißt; und zum anderen jene Kodizes, Handschriften und frühen Drucke aus der Biblioteca Apostolica Vaticana, deren prächtigste Exemplare in einer kleinen Schatzkammer ausgestellt sind. "Procul este profani", das Vergil-Zitat, mit dem die Kenntnislosen in die Distanz verwiesen werden, wird durch die Ausstellungspraxis entschärft, denn jedes Exponat ist ausführlich erklärt, und ein lebender Bücher-Cicerone steht außerdem zur Verfügung.

Die neue Welt heißt eine Abteilung, die mit einer mexikanischen Handschrift aus vorkolumbianischer Zeit und den Schriften der ptolemäischen Geographie beginnt und in der auch eine Vitrine mit den Schriften von Martin Luther steht. Mexiko und Wittenberg, die Exoten beieinander. Und dann die feinen Unterschiede der Provenienz. Luthers Übersetzung der Äsopischen Fabeln ist eine Leihgabe der Vatikanbibliothek, Von der freyheyt eynes Christenmenschen und Das newe Testament Deutzsch kommen aus dem Deutschen Historischen Museum in Berlin. Nach Marmor und Purpur sind wir bei den schwarzen Lettern in den schmalen Heften angekommen.