Goethe allerorten, sogar in Bayreuth, wo wir von dem 16. Januar an unsere Plakatausstellung Goethe in guter Gesellschaft zeigen werden. Gar kein so schlechter Ort! Goethe war zwar nie hier, Jean Paul mochte er gar nicht (So schlimm wie zuviel Sauerkraut! lautete sein Urteil), doch Richard Wagner verehrte den Meister aus Weimar. Er hätte ihn vielleicht sogar angepumpt, wie er in einem Brief an Meyerbeer schreibt, doch da war Goethe leider schon tot.

Beim Anblick des Goethe-Schiller-Wurst-Plakats, das wir in einer früheren Version auch zeigen werden, hätte Goethe wohl geschmunzelt. Denn deftige Wurstwaren liebte er, und seine Christine schickte ihm bisweilen ein "Presssäckchen" aus eigener Schlachtung nach Jena. Man sollte Goethe nicht verwursten, aber ihn auch nicht mal wieder auf den hohen Denkmalsockel stellen.

Dr. Joachim Schultz Kleines Plakatmuseum Bayreuth

Wie nähert man sich Weimar? fragte Ihr Autor. "Mit dem Zug. Man reist nach Erfurt." Und hier sollte der Reisende auch ein wenig verweilen, will er sich auf die Spuren zumindest des Weimarer Geistesheroen begeben. Was dem heutigen Schriftsteller der Laptop, war Friedrich Schiller sein Papier. Und dieses bezog er aus Ilversgehofen, einem 1910 nach Erfurt eingemeindeten Dorf im Norden der Landeshauptstadt. Von 1781 bis 1813 stellte der Kommerzienrat Johann Friedrich Ludemann hier in der dem kurmainzischen Hof lehnbaren Heiligen Mühle so exzellentes Papier her, daß der in puncto Schreibmaterial verwöhnte Dichter unter anderem die dramatischen Entwürfe zu Warbeck, den Malthesern und Rosamond oder die Braut der Hölle darauf verfaßte. 1813 wurde Ludemanns Mühle von den abrückenden Franzosen niedergebrannt, der Müller zu Tode mißhandelt.

Abseits der "Kulturstadt Europas" befindet sich damit ein historisches Kleinod, das nicht erst mit hohem finanziellen Aufwand geklont werden muß, wie es an Goethes Gartenhaus gerade vorgeführt wird. Denn die Heiligen Mühle wurde nach 1816 wieder aufgebaut, diente bis 1956 der Graupenproduktion (mit bis heute erhaltener Mühlentechnik) und beherbergte bis 1996 den nach dem Ende der DDR reprivatisierten Heizungsbetrieb der seit 1839 hier ansässigen Müllerfamilie Naue.

Als "Wessi" im Vorstand des im Dezember 1998 zur Rettung und kulturellen Nutzung gegründeten Fördervereins Heiligen Mühle Erfurt-Ilversgehofen kann ich das Engagement meiner DDR-erprobten Mitstreiter nur bewundern. Mit Bürgersinn und Zähigkeit wird daran gearbeitet, im kulturell mangelhaft entwickelten, von Plattenbauten geprägten Erfurter Norden einen Anziehungspunkt nicht nur für Einheimische und Touristen zu schaffen, sondern durch die Einrichtung einer Glenn-Miller-Ausstellung auch die deutsch-amerikanischen Beziehungen in Thüringen zu pflegen.

Vielleicht wird die Mühle doch noch der drohenden Zwangsversteigerung zum Opfer fallen, sollten keine Investoren für das ehrgeizige Projekt gefunden werden. Eines konnte ich allerdings bei meinen Vereinskollegen wahrlich nicht entdecken: "postmodernen Slang als Wirklichkeitsersatz", "Selbstthematisierung" und "windschnittige Identität", wie Kulturmanager Kauffmann sie in Dieckmanns Artikel dem Westen unterstellt - leider oft zu Recht. Unsere Mühle müssen wir jedenfalls nicht klonen. Mer ham nämlich schon eine.