Ist er nun eher ein reinkarnierter Joyce oder Eugène Sue? Ein neuer Borges & Calvino oder ein alter Sufi ohne Gott? Orhan Pamuk muß es nicht so gehen wie Buridans Esel, der zwischen zwei gleichermaßen verlockenden Heubündeln verhungerte. Er vernascht alles Stroh, das eine behexte Weltpresse ihm wie Lorbeer flicht, schön Halm für Halm. Borges: warum nicht. Joyce: wenn man so will. Man vergibt sich ja nichts dabei.

In der Türkei sind seine Bücher Bestseller. Sie verkaufen sich also viel besser, als sie gelesen werden. Und im Ausland, in der internationalen Presse von der New York Times bis zum Figaro und der FAZ werden sie wiederum viel besser besprochen als gelesen. Tout le monde ist elektrisiert von der "großartigen Fabulierkunst" dieses "so gut wie Borges oder Calvino" zu lesenden Erzählers "für alle Freunde des Raffinierten". Man solle Telefon, Fernseher, am besten sämtliche Steckkontakte aus der Wand ziehen, die Lektüre dulde keinen Aufschub, schrieb ein französischer Kritiker in seiner Rezension von Pamuks Roman Das Schwarze Buch, das auch bei uns 1995 (Hanser) erschien und die Sicherungen mancher Kritiker durchbrennen ließ.

Nun ist wieder ein Pamuk herausgekommen: Das neue Leben (1994). Außer Borges & Calvino, Jalaluddin Rumi und Joyce sind darin noch Dante (La vita nova) und Novalis (Heinrich von Ofterdingen) als Ghostwriter zwangsverpflichtet. Die deutsche Kritik war sich schnell einig: Junger türkischer Erzähler zeigt Europa, was eine Harke ist. Soviel ist immerhin wahr: Mit seinem Opus magnum und vierten Roman Kara kitap, Das Schwarze Buch hat der Istanbuler Autor Orhan Pamuk (Jahrgang 1952) 1991 wohl den ersten kanonisch postmodernen türkischen Roman vorgelegt und damit den literarischen Sekundärrohstoffhandel in der Türkei eröffnet. Was Pamuks Buch führt, dürfte von nun an in jedem gutsortierten türkischen Roman zu haben sein: Spiegelungen und Täuschungen, allegorische Verrätselungen, Hybridisierung von Texten, das Komplott der zweiten Bedeutungsebene gegen den Plot, die "Abdrift des Sinns" und natürlich die Allmacht, nein: Theokratie des Diskurses.

Wenn man sich mit dem Anschluß an die Moderne nun mal schwertut, muß man eben gleich den Sprung in die Postmoderne wagen, bevor man die auch wieder verpaßt. Das 500 Seiten schwere Buch löste einen freudigen Kulturschock aus. Zuerst eine Stildebatte, dann eine politische, und dann wurde es ein Bestseller.

Wie es sich für Bücher dieses Schlages gehört, ist Das schwarze Buch ein ehrgeiziges Werk der literarischen Ingenieurkunst mit dem Charme und erzählerischen Ingenium eines Computerspiels. Der Autor erzählt keine Geschichte, er erzählt überhaupt nicht. Es mag seltsam klingen, zumal es ja bisher niemandem aufgefallen ist, aber Orhan Pamuk kann gar nicht erzählen. Falls man davon ausgeht, daß erzählen etwas mit Sprache zu tun hat. Das hat Pamuks Schreiben sowenig wie die Werke volkseigener IM-Prosa etwa. Da ist kein Klang, kein Bild, keine poetische Passion, die Welt zu deuten, indem man sie neu erschafft. Doch einen Ausweg gibt es immer aus dem erzählerischen Konkurs: den Diskurs.

Pamuk führt ihn in allen seinen Büchern, wie es scheint, und zwar stets denselben. Einen Diskurs über einen Diskurs, den angeblich alle Türken schon seit langem führen. Dieser Diskurs behauptet: die Türken sind besessen von dem Spleen, keine Türken, sondern "ein anderer", sprich: ein Wessi sein zu wollen. Sie kopieren den Westen und haben so ihre Identität, ihr "Mysterium" verloren. Schon in seinem ersten auf deutsch erschienenen westöstlichen Diwan Die weiße Festung (1990 bei Insel), eine Parabel über den Niedergang des osmanischen Weltreichs, hat ein in türkische Gefangenschaft geratener italienischer Gelehrter viel Zeit, sich mit der Frage zu beschäftigen: "Warum bin ich ich selbst?"

Die Welt ist eine Bibliothek: Man sucht sich tot