Halberstadt gehörte zu den Orten, in denen die absurde deutsche Teilung am deutlichsten und schmerzhaftesten fühlbar war. Hinter Osterwieck war die Welt zu Ende, und die Braunschweiger Chaussee endete hinter Veltheim, als wäre hinter dem Großen Bruch ein Riesenmeteorit eingeschlagen, und Menschen und Tiere zerrissen sich die Gedärme in den Selbstschußanlagen, wenn sie in Richtung Harzburg oder Braunlage durch den Wald wollten. Als Berliner, der fast 30 Jahre lang die Mauer 500 Meter entfernt hatte, brauche ich Ihnen keine langen Geschichten zu erzählen, und ich habe ja in den ersten Mauerjahren in Halberstadt miterlebt, wie junge Menschen meines Alters die Grenze zu überwinden suchten und dafür bewundert wurden, wenn es gutging, oder für die Gefängnisstraße bedauert wurden, die sie ereilte, wenn sie erwischt wurden und ihnen nichts Schlimmeres widerfuhr.

So ist auch nicht verwunderlich, daß in Halberstadt der Bürgeraufstand nahtlos in die Bewegung für die deutsche Vereinigung überging. Wir erinnern uns der euphorischen Zeit nach 1990, und wir wollen auch daran denken, daß der Neuaufbau der Stadt, von dem wir heute eine Etappe beenden, neben dem großen Engagement der Halberstädter auch dem gesamtstaatlichen Aufbauprogramm zu danken ist. Das sind Geldmittel, die wir alle, aus dem Osten wie aus dem Westen, von unseren Steuern bezahlt haben, und so ist der Neuaufbau Halberstadts eine der großen Leistungen nach der Vereinigung unseres Landes. Wir wollen auch nicht die privaten Spenden vergessen, auch wieder aus dem Osten wie aus dem Westen, von alten Halberstädtern und ihren Traditions- und Heimatvereinen. Das festzustellen ist eine Dankbarkeitspflicht, die nichts mit Unterwürfigkeit zu tun hat; allerdings auch nichts mit der Arroganz, mit der manche im Westen glauben, sie könnten den reichen Onkel spielen und Dankbarkeitsadressen einfordern. Es ist schäbig, so etwas gegeneinander aufzurechnen, aber wenn es schon so weit kommt, dann wollen wir doch daran erinnern, wer den größeren Teil der Zeche von Nationalsozialismus und Weltkrieg zu bezahlen hatte und von wem dieses Land hier oder von wem diese Stadt, dieser Domplatz mit Stephan und Liebfrauen, enttrümmert und wieder aufgebaut wurde, und wer, bitte schön, den Anstoß gegeben hat, daß die Vereinigung überhaupt erst möglich wurde, nämlich die Bevölkerung des Ostens ...

Es gibt noch andere nationale Aufgaben, für die wir uns gegenseitig Dankbarkeit bezeugen können, wenn es gewünscht wird, die Dresdner Frauenkirche zum Beispiel, aber wir sollten mit diesen öffentlichen gegenseitigen Unmutsäußerungen aufhören, die lediglich Wasser auf die Mühlen von Demagogen sind.