Frau G. hatte frustriert irgendwann aufgehört, die Lebensberichte der jungen Frauen zu lesen, die am Mädchengymnasium Werne einmal ihre Schülerinnen gewesen waren: "Ich habe die Mädchen von damals nicht wiedererkannt und war furchtbar enttäuscht, was die aus ihrem Leben gemacht haben."

Die Lehrerin erinnert sich, daß die Klasse zu den ersten Jahrgängen der 1966 gegründeten Schule gehörte, an der mit ungeheurem Elan unterrichtet und vieles ausprobiert worden sei. "Deswegen war ich besonders verärgert, daß sich die meisten nur als Opfer verstehen. Ich selbst war vor kurzem auf meinem Klassentreffen, das war ein interessanter Vergleich: Die Frauen, die in den fünfziger Jahren aufgewachsen sind, wußten einfach, daß man mehr leisten muß, als sich einen geeigneten Mann zu suchen." Sie begreife nicht, sagt Frau G., daß man sich so hängenlassen könne. "Vielleicht liegt es an der Kleinstadtatmosphäre, daß sich diese Frauen von Mitte, Ende 30 heute alle so leid tun. Vielleicht waren unsere emanzipatorischen Ansprüche zu hoch, und die ganze Anstrengung war umsonst - oder sollte die andere Seite doch recht gehabt haben?"

Progressiver Wind in der Kleinstadt Die "andere Seite" meint das Jungengymnasium schräg gegenüber und den anderen, konservativkatholischen Erziehungsstil. Im inzwischen koedukativen Mädchengymnasium dagegen wehte ein progressiver Wind, den nicht zuletzt die vielen, damals noch sehr jungen Lehrkräfte von den Universitäten in die Kleinstadt brachten.

Einer von ihnen ist Herr H: "Mich haben diese Geschichten, diese sehr krummen Lebenswege wahnsinnig erschreckt. Viele waren wohl einfach nicht fürs Leben gerüstet. Von bestimmten Formen des Unterrichts erhoffen wir uns, jenseits der Vermittlung kognitiver Fähigkeiten, daß die Schüler selbständig werden. Inzwischen weiß ich längst nicht mehr, ob wir das leisten können. Was mich aber besonders betroffen gemacht hat, waren die empörten Reaktionen verschiedener Kollegen." Verbittert stellten nämlich einige - männliche - Lehrer die Frage, ob es sich überhaupt lohne, mit "so viel Herzblut" Mädchen zu unterrichten, die dann doch "nur Hausfrauen" werden und passiv die Schuld für Verfehlungen und Schwächen immer nur bei anderen suchen.

Herr T., der sich selbst mit sportlicher Streitlust zum konservativen Lager des Kollegiums zählt, glaubt nicht, daß er sich als Lehrer Vorwürfe machen muß, wenn er heute mit Biographien ehemaliger Schülerinnen konfrontiert wird. "Vor etwa zehn Jahren breitete sich in der Lehrerschaft, nicht nur an unserem Gymnasium, eine schleichende Frustration aus, die Hand in Hand ging mit einer Veränderung bei den Schülern. Oberstufenschüler sehen inzwischen ein, daß sie gute Noten brauchen, um im Leben weiterzukommen."

Die Schule, so sieht es Lehrer T., habe sich in eine praktische, ökonomisch arbeitende Zensurenmaschinerie verwandelt. Vor 20 Jahren aber habe ein anderer Zeitgeist geherrscht: "Manche Lehrer wurden geduzt, und für viele Schüler war es das wichtigste, sich aufzulehnen, Sand im Getriebe zu sein, mit einem gewissen Haß auf Eltern, Schule - das Establishment eben, wie man so sagte. Ich glaube, daß der jeweilige Zeitgeist eine Gewalt hat, gegen die man sich als Lehrer nicht durchsetzen kann."

Herr T. ist fest überzeugt davon, daß Eltern oder Lehrer junge Menschen nicht erziehen, sondern ihnen nur bedingt Vorbild sein können. "Insofern wundere ich mich, wenn ehemalige Schülerinnen sich heute beklagen, daß man sie keinen Egoismus gelehrt habe: Davon wollte früher niemand etwas wissen! Mir kommt es so vor, als hätten alle, die sich damals als Anarchisten verstanden, mit Dealen, Auswandern oder ähnlichen Sachen notwendige Umwege zur Selbstverwirklichung beschritten. Die ,Spießer' von damals - so scheint es mir jedenfalls - sind mit Haus und Garten heute allerdings oft zufriedener."