Prishtina

In der Silvesternacht war es in Prishtina, der Hauptstadt des Kosovo, laut wie nie zuvor. Von null Uhr an knallten nicht Feuerwerkskörper, sondern Pistolen und Gewehre. Es wurde in die Luft geschossen, aber die Bewohner konnten schon einmal hören, welche Mengen an Waffen in ihrer Stadt versammelt sind.

Zu Weihnachten, als Prishtina mehrere Explosionen und Schießereien erlebte, ging das Gerücht um, der Krieg werde nun vom Land in die Städte getragen, wie es der serbische Polizeiexperte Marko Nicovic schon im Sommer vorhergesagt hat. Unter den jungen Albanern, die in den Cafés von Prishtina sitzen, hat sich ein finsterer Radikalismus breitgemacht. Die Familienpatriarchen auf dem Lande sind von ihrer Befreiungsarmee UCK, die sie erst befreite und dann nicht verteidigen konnte, inzwischen ernüchtert. Aber die städtische Jugend, die nicht arbeiten, nicht studieren und nicht einmal mehr emigrieren kann, redet nur noch von Kampf und Sieg.

Die Stadt, die den Krieg erwartet, trägt zwei Namen. Prishtina wird sie von den knapp 300 000 Albanern genannt, Pristina von den über 20 000 Serben. Sie leben am selben Ort, aber nicht miteinander, und sie leben auch nicht in einer Stadt. Denn als Stadt ist Prishtina/Pristina längst tot; einen urbanen Geist, der einem Straßenkrieg zum Opfer fallen könnte, gibt es nicht mehr.

Den Albanern sind von fünf Kinos in Prishtina zwei geblieben, aber keiner geht hin. Das Nationaltheater spielt noch, meistens belanglose Schwänke, das Publikum bleibt aus. Die Albaner gehen abends nicht gern vor die Tür, weil sie auf dem Heimweg einer Polizeikontrolle in die Hände fallen könnten, und geregelte Versammlungen, auf denen albanisch gesprochen würde, gibt es nicht: keine Diavorträge, keine Liederabende, keine Straßenfeste. Selbst der Badesee, an dem sich die Jugend in den heißen Sommern traf, wird heute nur noch von Serben besucht.

Die Universitätsbibliothek, ein kühner, moderner Bau im Stil eines türkischen Badehauses, wurde im Oktober 1991 von der neuen, serbischen Verwaltung übernommen. Kaum ein Albaner hat das Gebäude wieder betreten oder gar ein Buch aus dieser größten albanischsprachigen Literatursammlung in die Hand genommen. Der Katalog ist geschlossen, die Bücher warten auf bessere Zeiten. Das Zentrum "Boro und Ramiz", ein riesiger Komplex mit Sälen, Hallen, Ladenzeilen, einem Schwimmbad und einem Eisstadion, steht heute leer. Es sollte einmal Mittelpunkt von Geschäft, Vergnügen und öffentlichem Leben werden.

Von den "parallelen Strukturen", die die Albaner nach dem Verlust der Autonomie 1990 aufgebaut haben, ist in Prishtina wenig zu spüren; man kann vielleicht einen Staat, aber keine Stadt im Untergrund organisieren. Die alternative "Republika ë Kosovës" lebt in einer Art Schrebergartenhaus des Schriftstellerverbands neben dem Stadion, in verstreuten Parteibüros irgendwo in der Stadt; alles keine Orte, wo man hingeht. Die Jugend trifft sich in den vielen Cafés aus falschem Marmor und goldenem Blech, am liebsten gleich nebenan.