Lieberose

Im Film könnte der Satz lauten: "Und es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft." Im wahren Leben schreibt es sich bescheidener, etwa: "Es war der Beginn einer unverhofften Bekanntschaft." Die Bekanntschaft begann an einem Abend Anfang Dezember, und zuvor hatten alle Beteiligten nie etwas voneinander gehört - der Berliner Geschäftsmann Hans Stoermer nichts vom brandenburgischen Städtchen Lieberose und Lieberose nichts von Hans Stoermer und dessen verstorbenem Lebensgefährten Heinz Bergner. Aber nun wird Lieberose demnächst einen Heinz-Bergner-Platz haben. Hans Stoermer hat den Namen des Platzes für 20 000 Mark ersteigert - als Andenken an seinen Freund und zugunsten eines guten Zwecks.

Das Ganze geschah innerhalb von wenigen Minuten. Anfang Dezember hatte die Berliner Kabarett-Anstalt BKA zu einer Benefiz-Auktion geladen. Der Erlös der Versteigerung sollte dem ersten Berliner Wohnprojekt für Aids-Kranke zugute kommen, und zahlreiche Prominente gaben dafür originelle Geschenke unter den Hammer. Als "Prominente" war auch Kerstin Michelchen angesprochen. Die resolute 38jährige, im zivilen Leben Blumenhändlerin, ist im öffentlichen Leben Bürgermeisterin von Lieberose, und als solche hat sie einst mit einem pfiffigen Vorschlag von sich reden gemacht. Als die "spießigen" Berliner im Sommer 1997 mal wieder über all den Müll und den Krach der Love Parade jammerten, hatte die CDU-Frau angeboten, man könne den gigantischen Techno-Umzug gern nach Lieberose verlegen. Im Gegensatz zur Hauptstadt seien die Raver in ihrem "Provinznestchen" herzlich willkommen.

Aber welchen Einsatz hatte Lieberose nun zugunsten der Aids-Kranken zu bieten? Die Stadt ist mausearm und hat nichts zu verschenken, der Aufschwung Ost biegt regelmäßig kurz vor Lieberose ab, die Straßenbeleuchtung funzelt nur noch spärlich, das Stadtschloß schreit nach Restaurierung. Die Bürgermeisterin bat um Bedenkzeit, dann hatte sie die Idee. Der Platz vor der Schule - er ist noch ohne Namen. Seit das Straßenschild "Adolf-Hitler-Platz" abgeschraubt wurde, nennt man ihn hilfsweise "Platz an der Schule", und das ist doch keine richtige Adresse. Kerstin Michelchen beriet sich mit einigen Stadtverordneten und reiste nach Berlin zur Benefiz-Auktion mit ihrem Geschenk im Gepäck: Wer zugunsten der Aids-Kranken am meisten bietet, darf in Lieberose den Schulplatz benennen.

Für Hans Stoermer war es an jenem Dezemberabend eine Entscheidung "aus dem Bauch" heraus. Der ehemalige Verkaufsleiter eines großen Mineralölkonzerns war "einfach beeindruckt vom Auftreten und vom Mut dieser Frau". Nach all den Schreckensmeldungen über Skinheads und rechtsradikale Randalierer stand plötzlich eine Bürgermeisterin aus der brandenburgischen Provinz auf der Bühne - witzig, bodenständig, schlagfertig - und offerierte Hilfe für Berliner Aids-Kranke. Stoermer steigerte mit, es wurde ein hartes, teures Rennen, denn fast hätte ihn der Berliner Diskotheken-Multi Rolf Eden noch ausgestochen. "Big-Eden-Platz" in Lieberose, die Peinlichkeit konnte zum Glück verhindert werden. Für 20 000 Mark, das Rekordgebot an diesem Abend, bekam Stoermer den Zuschlag. Nun wird er mit dem Straßenschild seinem schwulen Freund ein Denkmal setzen, der im letzten Jahr an Aids starb und mit dem er die Stiftung "Leben mit HIV und AIDS" ins Leben gegründet hat.

Im Frühjahr, möglichst bei schönem Wetter, will man in Lieberose das blau-weiße Schild "Heinz-Bergner-Platz" enthüllen. Daß der Platz vor der Schule dann nach einem Schwulen heißt, nach einem an Aids Kranken noch dazu, wird Bürgermeisterin Michelchen gegen alle Einwände verteidigen. "Gerade die Kinder wollen wir doch vor dieser schrecklichen Krankheit bewahren. Mit der Versteigerung hat sich die Stadt an einer schönen Sache beteiligt. Das wird man auch in 20 Jahren noch erklären können."

Diskussionen um die Namensgebung hat es in Lieberose bisher nicht gegeben. Wer unter den 1500 Einwohnern doch etwas dagegen hat, sagt es zumindest nicht laut. Nur vereinzeltes Murren hat Kerstin Michelchen bisher vernommen, "die 20 000 Mark hätten wir auch gut selber brauchen können". Doch zur Aufbesserung der Gemeindekasse hätte sie den Namen nicht versteigert, "wir sind doch nicht käuflich".