Wie gut eine Versicherung wirklich ist, stellt sich meist erst im Schadensfall heraus. Die schlimmste Nachricht, die ein Kunde dann erhalten kann, lautet: "Grob fahrlässig." Denn dies bedeutet, daß die Versicherung nicht bereit ist, auch nur einen Pfennig zu zahlen, da ihrer Meinung nach der Verbraucher selber schuld hat. Das Recht dazu entnimmt die Branche dem Versicherungsvertragsgesetz. Dort steht in Paragraph 61: "Der Versicherer ist von der Verpflichtung zur Leistung frei, wenn der Versicherungsnehmer den Versicherungsfall ... grob fahrlässig herbeiführt".

Was "grob fahrlässig" genau bedeutet, steht leider nirgendwo geschrieben. Nach der ursprünglichen Definition der Gerichte handelt grob fahrlässig, wer in schwerwiegender Weise die objektiv erforderliche Sorgfalt durch ein subjektiv unentschuldbares Fehlverhalten außer acht läßt. Laut Bundesgerichtshof ist dies dann der Fall, wenn ein Versicherungsnehmer die einfachsten und naheliegendsten Überlegungen nicht anstellt. Das klingt nach einem besonders schweren Fehler. Gerade in der Kfz- und der Reisediebstahlversicherung reichen aber oft schon kleine Nachlässigkeiten aus, um im Schadensfall mit leeren Händen dazustehen.

So bekam ein Tourist, dem beim Zeitungskauf die Videokamera gestohlen worden war, keinen Pfennig ersetzt. Statt die Kamera kurz seitlich abzustellen, hätte er das Gerät zwischen seine Beine klemmen müssen, argumentierte die Versicherungsgesellschaft - und gewann den Prozeß vor dem Landgericht Frankfurt am Main (Az.: 31 C 1389/90-16). Auch Urlauber, die ihr Gepäck für zwei Minuten unbeaufsichtigt lassen oder den Koffer im Flughafenrestaurant hinter statt vor ihrem Stuhl abstellen, müssen sich von Assekuranz und Gerichten regelmäßig grobe Fahrlässigkeit vorwerfen lassen (Landgericht Verden, Az.: 2 S 38/93).

Gleiches gilt für Swimmingpool-Fans, die ihren Hotelschlüssel in der Badetasche auf dem Liegestuhl lassen. Die Diebstahlversicherung muß dann nicht für die aus dem Hotelzimmer gestohlenen Wertgegenstände aufkommen, urteilte das Landgericht Köln (Az.: 26 S 259/87).

Durch diese kundenunfreundliche Rechtsprechung sparen die Versicherer zwar viel Geld, verlieren langfristig aber auch ihre Geschäftsgrundlage. So machen Reisediebstahlversicherungen nach Ansicht der Verbraucherzentralen und der Stiftung Warentest wenig Sinn, da sie im Schadensfall einfach zu selten zahlen.

Trotzdem versucht die Versicherungsbranche, auch bei Kfz-Policen von der immer strengeren Rechtsprechung zu profitieren. So können Autofahrer trotz Vollkaskoversicherung keinesfalls sicher sein, daß Fahrfehler ohne finanzielle Folgen bleiben. Wer kurze Zeit unkonzentriert ist und dadurch eine rote Ampel oder ein Stop-Schild überfährt, muß den Schaden nämlich in aller Regel selbst bezahlen, auch wenn er in 20 unfallfreien Jahren immer pünktlich seine Vollkaskoprämien überwiesen hat.

Während Autofahrer früher mit dem sogenannten Augenblicksversagen argumentieren konnten, ist es inzwischen keine ausreichende Entschuldigung mehr, nur einen kurzen Moment nicht aufgepaßt zu haben. Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs (Az.: IV ZR 223/91) müssen immer weitere Umstände hinzukommen, die den Fehler in einem milderen Licht erscheinen lassen. Im Ergebnis lehnen deshalb mittlerweile viele Gerichte schon bei kleinen Unaufmerksamkeiten eines Autofahrers jegliche Haftung der Vollkaskoversicherung ab. Beispielsweise verliert seinen Versicherungsschutz, wer aufgrund eines Niesanfalls kurze Zeit nicht aufpaßt und dadurch einen Unfall verursacht (Oberlandesgericht Naumburg, Az.: 7 U 108/96). Sich für einen Moment nach einem plötzlich aufschreienden Kind auf dem Rücksitz umzudrehen ist ebenfalls grob fahrlässig (Oberlandesgericht Frankfurt am Main, Az.: 23 U 38/93).