Moment, falsche CD eingelegt? Sollte doch ein Streichquartett sein, 1983 geschrieben. Beginnt aber franko-flämisch, etwa wie Orlando di Lasso begonnen haben könnte. Und jetzt? Ah ja, Beethoven, Große Fuge op. 133. Dann, überraschend, ein Glissando-Knäuel, das genüßlich auseinandergezogen und von einer pastoralen Weise in der lydischen Tonart abgelöst wird. Vier Stile in vierzig Sekunden: Postmoderne!

Und doch sperrt sich Alfred Schnittkes Streichquartett Nr. 3 gegen diese Rubrizierung, denn es ist - wie auch alle anderen seiner Streichquartette belegen (gespielt vom Kronos Quartett auf Nonesuch 7559-79500) - mit jenem, allen russischen Komponisten eigenen, Pathos durchsetzt, das mit der gefühlskalten Verspieltheit der Postmoderne kaum kompatibel ist.

Es äußert sich im Schwelgen elegischer Melodiewendungen oder im ostentativen Wiederholen einer losrappelnden Spielfigur, die zu einem Zwischenhöhepunkt getrieben wird. Die Handvoll fremder Materialsplitter wird der guten alten Verarbeitungstechnik unterzogen, Elemente werden durchdekliniert, einander anverwandelt. Da steht Schnittke dem Neoklassizismus näher als der Postmoderne. Dem Kronos Quartett liegt Schnittkes Idiom wie eine Muttersprache. Die Hochglanzpolitur ihres früherer Interpretationen haben die Musiker aufgegeben zugunsten einer rauheren, lebensvolleren Tongebung. Schnittke nahm den Begriff "Polystilistik" für sich in Anspruch, obschon längst nicht die Musikstile aller Zeiten und Völker in seine Tonkunstwerke Eingang fanden, sondern vornehmlich die meisterlichen Werke der mitteleuropäischen Hochkultur. Die Streichquartette bieten eine Vogelperspektive auf Schnittkes Gesamtwerk, das abgeschlossen ist: Der Komponist starb vor einem halben Jahr - 64jährig - in Hamburg.

Schon unter den neostalinistischen Kulturimperativen hatte der Reiz des Verbotenen die Auseinandersetzung mit dem wenigen, das sich an Avantgardeprodukten über die Grenze schmuggeln ließ, vertieft. Aus seinen Lesarten und Analysen der ergatterten Partituren zog Schnittke seine höchsteigenen Schlüsse. Die Vermutung liegt nahe, daß gerade sein Leben im ästhetischen Vakuum - keines seiner Werke wurde nach dem Ukas der allesbefehligenden Behörde aufgeführt - zu einer Freiheit und Leichtigkeit im Umgang mit jenem Vokabular der Vorgeborenen führte, welches die in die Fortschrittsdebatte verstrickten westlichen Komponisten eher behinderte. Schnittke erlaubte es sich, mit den vertrauten Klängen noch einmal neue, gültige Geschichten zu erzählen.