Lebenslauf, Zeugnisse, Foto, Anschreiben? Alles out. Heutzutage werden Bewerber des mittleren und höheren Managements zusammen in ein Boot gesetzt, den ganzen Tag mit Aufgaben konfrontiert, manchmal eine Woche lang. Die Durchführung des Prozederes übernehmen Assessmentcenter. Deren Profis beobachten die Prüflinge mit Argusaugen. Nur einer wird siegen. Von grausamen Versuchsanordnungen hört man: Das Boot sinkt. Sechs Teilnehmer sollen in 30 Minuten entscheiden, wer den einzigen Rettungsring bekommt.

Ist das die heutige harte Wirklichkeit? Die Firma EQVIP in Berlin sucht per Inserat noch Kandidaten für Testläufe. Ich rufe an. Zwei Stunden später ein Rückruf: "Erscheinen Sie in Busineßkleidung, wir schicken Ihnen vorab einen Fragebogen zur Selbsteinschätzung. Bitte ausgefüllt mitbringen. Wir freuen uns auf Sie."

Der Fragebogen ist am nächsten Tag im Briefkasten. Bin ich extrovertiert, pragmatisch, kreativ, flexibel, strukturiert, analytisch, gefühlsbetont? "Bitte werten Sie von 1 bis 5." Ich falte mein Selbstbild sauber zusammen.

Der Tag im Assessmentcenter beginnt um halb neun und dauert zehn Stunden. Frau Mähler, Diplompsychologin, nimmt mich in Empfang. Sie händigt mir einen weiteren Fragebogen aus. Ich soll mich bei jeder Frage für A oder B entscheiden, dabei ist es doch mal so und mal so, und außerdem wünschte ich es mir anders, als es ist. Mir fällt auf, daß sich bestimmte Fragen wiederholen, wenn auch nur dem Sinn nach, und diesmal kreuze ich das Gegenteil an.

Inzwischen haben sich alle Teilnehmer eingefunden: Nadine, schlank, lang, blond, frisch. Gregor, ein kräftiger Mann. Er stottert leicht und scheint schwer an seinem Leben zu schleppen. Konstantin, schräge Augen, jung und sehr zurückhaltend, auch wenn er einen anderen Eindruck vermitteln will. Stefan, Jurist, ein Bein über das andere gelegt, intelligent, er sitzt so aufrecht, daß man gleich sieht: Der will was erreichen. Li Wang, eine Chinesin, Nickelbrille, hohe Stimme, ruhige Ausstrahlung, ihr Deutsch ist tastend, aber gut. Sechs sind wir, reden uns warm, entscheiden uns für das Du.

Frau Mähler stellt sich, ihre Partnerin Frau Rösler, Personalberaterin, den Tagesablauf und die Beobachter vor. Es wird vier Aufgaben geben, danach haben wir 30 Minuten Zeit, zu einer gemeinsamen Lösung zu kommen, zehn Minuten, um sie zu präsentieren.

Vier Beobachter, drei Frauen und ein Mann, sitzen in den vier Ecken des Zimmers. Die Adlerrunde wird nach jeder Aufgabe rotieren, damit jeder jeden einmal im Blick hat. Um ihre Neutralität zu wahren, sollen wir sie nicht ansprechen. Meine Blicke schleichen von einem zum anderen, sie sehen nicht nett aus und nicht böse, haben Papier auf den Knien und einen Stift in der Hand. Herrje, worauf habe ich mich eingelassen? Meine selbst vor mir sorgfältig verborgenen Schwächen werden ans Tageslicht gezerrt, und ich mache es auch noch freiwillig.