Ich war sieben, als ich zum erstenmal einen Menschen getötet habe, er hieß René und fuhr mit demselben Bus zur Schule wie ich", lautet der böse, der skandalöse Hauptsatz dieses Romans. Sein geistiger Vater könnte Jean Genet sein. Von ihm könnte die anarchische Anti-Ethik, die ganze Idee des Verbrechens stammen. Die Mutter des Romans ist allerdings der Thriller, genauer gesagt, eine bestimmte Art von Schundthriller mit seiner knalligen Dramaturgie, mit hirnrissigen Kolportagen und Fick-dichdoch-selber-Dialogen.

Nein, Berührungsängste kennt der Debütant Götz Thomalla nicht. Der junge Mann ist 26 Jahre alt, also wirklich jung, wurde in Bad Godesberg geboren, studierte Medizin in Bonn, Wien und Hamburg, wo er heute, wie vom Klappentext zu erfahren ist, auch lebt. Etwas Furioses, thematisch Provokantes hat sich der bislang unbekannte Autor vorgenommen. Eine Ästhetik schonungsloser Direktheit schwebt ihm vor. Das ist klar. Klar ist auch, daß Götz Thomalla sich bei seinem Eintritt in die Literatur nicht mit kleinen Versuchen und bescheidenen Vorläufigkeiten abgibt. Dieser Roman soll ein Handkantenschlag sein, der Pädagogen, Soziologen und andere Gesellschaftskundler das Fürchten lehrt.

Der Ich-Erzähler ist 14 Jahre alt und ein mordendes Monstrum. Er begnügt sich nicht damit, Mäuse aufzuspießen, Katzen zu strangulieren und, wie man es von den normalen Quälgeistern so kennt, Frösche platzen zu lassen. Moritz ist alles andere als normal. Er rottet in der menschlichen Spezies aus. Nicht lange nach dem Mord an seinem Freund René, den er vor einen fahrenden Lkw lotst, tötet er ein gleichaltriges Mädchen, ein paar Jahre später schickt er den Liebhaber seiner Mutter in den Feuertod, dann, nach ein paar Jahren Pause, während deren Tabletten seine Mordlust dämpfen, schlägt er einer Jugendlichen den Schädel ein. Von diesem Mord aus, an dem noch ein anderer Junge namens Tommie beteiligt ist, und von dem haarsträubenden Abtransport der Leiche per Fahrrad entwickelt sich die Romanerzählung. Die Morde bleiben alle unentdeckt. Moritz eckt in seiner Umgebung zwar permanent an, er ist permanent in aggressiver Hochstimmung, entsprechend unbeliebt und ausgegrenzt, und man traut ihm alle möglichen Taten und Reaktionen zu, die aus dem Bereich derPsychopathologie stammen und in den der Kriminalität hineinragen. Aber auf die Idee, daß hier ein milchgesichtiger Kinderkiller herumläuft, kommt bis zum Schluß niemand. So ist der Roman nicht nur der Lebensbericht von Moritz, sondern auch sein Geständnis.

Moritz, das Monster, scheint nicht von dieser Welt, zumindest nicht aus der Realität zu sein. Aber das scheint nur so. Denn das mordende Kind ist zwar tatsächlich eine Kunstfigur, eine Erfindung der unheimlichen Literatur und des Science-fiction-Films. Aber die Fiktion hat vor einiger Zeit begonnen, von der Realität Besitz zu ergreifen. Geschichten von schwerkriminellen und eben auch mordenden Kindern tauchen in Zeitungsmeldungen und Zeitungsreportagen immer öfter auf.

Götz Thomalla will beides auf einmal: die aktuelle Gesellschaftsstudie und die zeitlose Gruselgeschichte, den soziologisch relevanten und den phantastisch erfundenen Fall. Mit diesem Doppelprogramm lädt er sich allerdings ziemliche Probleme auf. Bei der Wahl des Schauplatzes kann er sie noch ganz gut lösen. Moritz lebt mit seiner Mutter in einer gespenstischen und recht irrealen Einsamkeit, mitten im Wald. Ihr Haus steht am äußersten Ende einer Nordseehalbinsel, auf der Kante der Zivilisation zur Wildnis und rohen Natur also. Aber die Zivilisation und mit ihr die reale Gegenwart sind doch in greifbarer Nähe, in Gestalt einer Touristensiedlung an der Küste beispielsweise und einer Kleinstadt auf dem Festland.

Der Kontrast zwischen Friesenphlegma, Urlauberdösigkeit und barbarischem Geschehen ist eigentlich recht interessant. Es sind auch nicht unbedingt die jugendliche O-Ton-Sprache und die betont rotzige Erzählweise, an denen der Roman kippt. Obwohl Götz Thomalla seinen 14-jährigen Erzähler bisweilen überfordert, mal allzu altklug, mal allzu banal daherreden läßt. Aber im Zentrum der Erzählung, bei der Zeichnung und Begründung der Persönlichkeit dieses schrecklichen Kindes, da überschlagen sich die Ambitionen des Autors und geht es erzählerisch kunterbunt zu.

Von Dr. Mabuse zu Dr. Mengele