Der englische Autor Dick Francis steht in diskreter Nachfolge der Größen des Gesellschaftsromans britischen Stils von Jane Austen bis Evelyn Waugh, denn im wesentlichen geht es um die Frage, wie man sich richtig benimmt und was zivilisierte Personen voneinander mit Fug erwarten dürfen. Es ist allerdings eine Männergesellschaft: Frauen tauchen auf, um erotische Verwirrung, vorzugsweise beim Helden, zu stiften, die nicht selten in eine harmlose und sanfte Liebelei mündet - oder sie haben graues, verwirrtes Haar, rennen in Reitstiefeln herum und tragen die Tweedjacketts ihrer verstorbenen Gatten auf. Daß der Autor, wiewohl noch unter den Schreibenden, schon lange tätig ist, erkennt man an Bemerkungen wie der, daß man den Augen einer Frau ansehen könne, ob sie noch Jungfrau sei: Geschlechterbeziehungen sind nicht sein Fach. Statt dessen beschäftigt ihn, wie ein Mann ein anständiger wird und bleibt, wie aus Freunden Schurken werden und aus Geschäftsleuten entfesselte Paranoide, die ihre Gegner zusammenschlagen und Killer einspannen. Es geht schließlich auch darum, mit wem man Pferde stehlen kann.

Ein Pferderaub steht im Mittelpunkt der gerade erschienenen, sehr eleganten Neuübersetzung von Versteck, einem Francis-Roman von 1975. Der Autor, ein ehemals äußerst erfolgreicher Jockey, schwelgt in seinem Milieu, das allerdings nicht derart ausgepinselt wird, daß seine Leser Pferde lieben müssen, um seine Romane zu schätzen. Doch es erleichtert die Sache, zumal die betrügerischen Transaktionen, die hier ein Trainer mit Hilfe eines Buchmachers vornimmt, leichter nachzuvollziehen sind, wenn man schon einmal auf einem Rennplatz stand. In modernisierter Sherlock-Holmes-Manier entwickelt Francis seine Geschichte; leicht, aber nicht flach erzählt, mit großer Freude an logischen Verwicklungen und dem diebischen Vergnügen, das große Jungen daran haben, im Spiel Mann gegen Mann nicht erwachsen werden zu müssen. Die Profitgier als Abszeß des Kapitalismus im reinen Sport wird beklagt, aber nicht anders behandelt als andere Untugenden wie Roheit gegen Tiere, Unhöflichkeit gegen Frauen und Unehrlichkeit unter Partnern: Der Mensch bei Dick Francis ist eben Mitglied der Gesellschaft, verantwortlich für seine Fehler und identisch mit seinem Verhalten, entwicklungsfähig, lernfreudig und vom Whisky bis zum Roastbeef Engländer.

Brutaler, aber auch mit größerem Interesse für die psychische Grundierung des Verbrechens geht es in Favorit zu, einem Sid-Halley-Roman, der jetzt auch als Taschenbuch erhältlich ist. Die Figur des Privatdetektivs Sid Halley ist in seiner Vergangenheit dem Autor selber nachgebildet: ein legendär guter Rennreiter, der durch einen Sturz zum Berufswechsel gezwungen wurde und sich nun nicht der naheliegenden Tätigkeit des Pferdehandels widmet, sondern dem Verbrechen. Ein guter Freund des Detektivs, der eine Karriere als Fernsehmoderator gemacht hat, wird der abscheulichsten Untaten (gegen Pferde) bezichtigt, und Halley, integer bis an die Grenze der Glaubwürdigkeit, ermittelt gegen ihn und seine eigenen Sympathien. Der Leser ist erkenntnistechnisch, aber auch gefühlsmäßig von Anfang an und alternativlos auf seiner Seite, bangt und kombiniert mit ihm, fährt mit ihm nach Liverpool und Manchester, aufs Land und in ein Filmstudio und wird mit den miesesten Seiten des englischen Boulevardjournalismus vertraut gemacht. Dick Francis' große Tugend ist die Präzision; seine Geschichten sind solide gebaut, schlüssig und spannend. Natürlich spielen Dialoge - knapp und häufig witzig, ihre Sprecher genau charakterisierend - eine besondere Rolle. Wie beim Gesellschaftsroman eben.