Halberstadt

Zum Rathaus? Na, da fahr'n Se am besten mit der Eens zum Holzmarkt. Dann seh'n Se's schon." Keine aufgeregten Erklärungen, nur Gelassenheit: für die kleine, rundliche Frau ist das Rathaus schon ein Ort wie jeder andere in Halberstadt. Dabei gab es vor einigen Monaten noch gar kein Rathaus. Dort am Holzmarkt, wo sich aller Augen nun zuerst auf seine sandsteingelbe gotische Fassade richten, herrschte lange nichts als öde Tristesse. Seitdem es aber jene Westfassade gibt, von der man nie weiß, ob sie nicht doch nur Täuschung ist, weil sich dahinter ein so gewöhnliches, modernes Gebäude erstreckt, liegt über dem Holzmarkt wieder ein Zauber.

Wer in diesen Tagen zum erstenmal nach Halberstadt reist, spürt möglicherweise kaum noch etwas von den Aufregungen der vergangenen Wochen. Er hetzt mit den Halberstädtern durch Straßen und Geschäfte, als gäbe es die Plätze, engen Gassen, stillen Winkel schon eine Ewigkeit. Vom geheimnisvollen Lächeln des 565 Jahre alten Roland, der endlich zurückkehrte an die Rathausecke, läßt sich kaum noch einer betören, und im Vorübergehen antworten sie hastig: "Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht mehr, wie das vorher aussah, ich kann es mir einfach nicht mehr vorstellen."

Vorher, das ist die Zeit, in der Halberstädter mitten im Zentrum nach ihrem Zentrum gefragt wurden und sagen mußten: "Sie stehen mittendrin." Die Fragenden aber standen im Nichts, auf einem riesigen, häßlichen Platz, umzingelt von Neubaublocks, fühlten sich verschaukelt, wollten noch mal nachhaken, aber da war der Halberstädter schon weg. Die meisten konnten die Frage nicht ertragen, weil die Antwort darauf so peinlich war. Mit Verwandten und Freunden fuhr man lieber raus aus der Stadt, um sich nicht immerzu an den scharfen Kanten des Zerstörten und Baufälligen die Augen auszukratzen. 53 Jahre mußten die Halberstädter mit diesem "leeren Loch Stadtmitte" leben, so hat sich Jens Reich an diese Zeit erinnert, als er am 3. Oktober eine Rede zur Eröffnung des neuen Rathauses hielt: "Halberstadt ist in meinem Gehirn die zerbombte Wüste und die mit gewaltigen Mühen notdürftig wiederhergestellte Nichtstadt der 50er Jahre", sagte Jens Reich, der in Halberstadt Kind war und nach dem Feuersturm vom 8. April 1945 in den Ruinen der zerstörten Stadt kleine Abenteuer suchte.

Nach dem Bombenhagel vom April 1945 war vom Herzen des fast 1200 Jahre alten Halberstadt, der einstigen Perle des nördlichen Harzes, nichts geblieben als Schutt und Asche. Über 80 Prozent der Innenstadt wurden zerstört, über 130 Hektar Stadtzentrum einfach ausradiert. Nach dem Krieg weideten erst die Schafe auf dem windigen Platz, dann stellte man Autos darauf ab und nannte ihn Rathausparkplatz - ein trauriger Rest Erinnerung.

Alle sozialistischen Pläne, das Stadtzentrum im Bereich von Fisch- und Holzmarkt wiederaufzubauen, scheiterten im Laufe der 40jährigen DDR-Geschichte immer wieder an den Grenzen der planwirtschaftlichen Möglichkeiten. Heute sagen alle "Gott sei Dank!", denn die Konzeptionen von damals zeigen, daß die gesichtslosen Plattenbauten auch vor dem einst mittelalterlichen Zentrum keine Skrupel gezeigt hätten.

Eine Haßliebe muß es gewesen sein, die die meisten Einwohner mit ihrer "halben Stadt" verbunden hat. Die einen trauerten jahrzehntelang um ihre verlorene Seele. Andere haben sie nie gekannt, wurden hineingeboren in die Zeit der Abrißpolitik und der grauen Einheitswohngebiete. Von den einst 1605 bewohnten Fachwerkhäusern gab es nach dem Krieg noch 929, das Ende der DDR überlebten 447. Was von der Altstadt blieb, waren vergessene, brüchige Relikte, zuwenig zum Leben. Wer eine zentralgeheizte Neubauwohnung wollte, stocherte so tief in den Wunden der Häuser, bis sich das Mitleid der Wohnungsbehörde endlich regte.