Jenseits von Dresden, gleich hinter dem Obi-Baumarkt und McDonald's Drivein, beginnt der Osten. Ein Hauch von Braunkohlengeruch liegt in der Luft; die Häuser tarnen sich in Graubraun; aus dem Asphalt der Europastraße Richtung Prag wölbt sich gelegentlich Kopfsteinpflaster. Kurz vor der Grenze windet sich die Straße hinab in ein enges Tal, das die Müglitz tief ins Land gegraben hat. Dort unten, wo sich die Sonne im Winter schon um drei Uhr nachmittags verabschiedet, verbirgt sich der 2400-Seelen-Ort Glashütte - als Inbegriff nobler Lebensart. "Bei uns werden hochfeine Uhren hergestellt. Das hat uns Aufmerksamkeit aus ganz Deutschland und der Welt gebracht", freut sich Bürgermeister Frank Reichel.

Dem verschlafenen Nest im Erzgebirge ist gelungen, was anderswo in der Ex-DDR scheiterte: Auf den Trümmern eines volkseigenen Betriebes, der auf Massenproduktion zielte, sind mehrere kleine Unternehmen entstanden - und erobern mit bester Qualität den Weltmarkt. Neun Jahre nach der Wende sind hier vier Uhrenfirmen mit fünf Marken etabliert: A. Lange & Söhne, Nomos, Mühle und Glashütte Original mit ihrer Tochter Union. "Der Standort Glashütte ist höchst erfolgreich", weiß Nikolaus Giercke vom Juwelierhaus Becker, der als einziger Händler alle fünf Marken vertritt. "Union fällt zwar ein wenig ab, doch die vier anderen preschen gewaltig nach vorn."

Daß ausgerechnet Glashütte mit seiner Uhrenindustrie zum Erfolgsmodell im Osten wurde, liegt an den Besonderheiten der Branche. Vor rund 20 Jahren mischten die billigen Quarzuhren den Markt kräftig auf und trieben selbst Schweizer Traditionsfirmen in den Ruin. Doch dann erlebte die mechanische Uhr eine Renaissance - als Sinnbild handwerklicher Tradition. Bei anderen Produkten ist eine möglichst rationelle Herstellung gefragt, die den Preis drückt. Bei Uhren hingegen lassen es sich die Kunden wieder viel kosten, wenn ihr Schmuckstück wie in alten Tagen gefertigt wurde. Nobeljuwelier Hellmut Wempe: "Sie bezahlen für das Gefühl, eine Uhr zu tragen, die aus menschlicher Hand entstand."

Schräg gegenüber vom Rathaus erinnert ein Denkmal an den "Gründer der Glashütter Uhrenindustrie". Vor gut 150 Jahren hatte Ferdinand Adolph Lange hier Korbflechter und Bergarbeiter in der Uhrmacherkunst unterwiesen und so Wohlstand ins verarmte Erzgebirge gebracht. In seinem Gefolge ließen sich immer mehr Manufakturen nieder. Und Glashütte wurde weltbekannt als Geburtsort edler Uhren.

Uhrenmeile nennen die Glashütter die einzige Straße, die neben der Müglitz unten im Tal Platz findet. Wie früher residieren dort heute wieder alle Manufakturen in nächster Nachbarschaft. Der Traditionsname A. Lange & Söhne ziert einen chic gestylten Firmensitz. Für Walter Lange, Urenkel des legendären Ferdinand Adolph, brachte der Fall der Mauer auch die persönliche Wende. 1948 hatte er sich aufgemacht ins westdeutsche Uhrenzentrum Pforzheim. Dort kam er als Uhrmacher nicht zum Zuge; notgedrungen übernahm er die Vertretung von Schweizer Marken. "Man muß im Leben viel Glück haben", sagte er einmal zum Glashütter Bürgermeister Reichel, "mein Glück war, daß LMH nach der Wende auf die Idee kam, die Firma Lange in Glashütte wiederaufzubauen."

Die Mannesmann-Tochter LMH (Les Manufactures Hologères) vereint als Uhrenholding die Schweizer Marken Jaeger-Le Coultre und IWC. Und neuerdings auch A. Lange & Söhne. Gleich 1990 gab LMH-Chef Günter Blümlein dem Rentner Walter Lange den Tip, doch den prestigeträchtigen Namen seines einstigen Familienunternehmens erneut registrieren zu lassen. Und anschließend 90 Prozent der Anteile an die LMH abzutreten, die sich dann an die Produktion machen würde.

Die Premiere der neuen Lange-Uhren wurde 1994 zum Paukenschlag. Glashütte stand plötzlich wieder für allererste Qualität. Bis hin nach New York, Paris und London verkauft Hellmut Wempe die deutsche Nobelmarke, deren preiswerteste Version 13 000 Mark kostet - oft an Kunden, die sonst nur Patek Philippe tragen. "Das sind traditions- und qualitätsbewußte Uhrenfetischisten, die sich ein Denkmal setzen, indem sie ihren Nachkommen eine wertvolle Uhr vererben", weiß auch Becker-Chef Giercke, der selbst eine Glashütter Lange-Taschenuhr von seinem Großvater besitzt.