Die IOC Global, in der Richard Branson und Steve Fosset vor kurzem den Erdball umqueren wollten, war kein gewöhnlicher Ballon, sondern eine Aluminiumzelle, blickdicht geschlossen, randvoll gepackt mit Bildschirmen und Navigationscomputern. Einige Tage lag Branson und Fosset die Welt zu Füßen, doch sehen konnten sie mit bloßem Auge nichts. In ihrer digitalen Höhle gewährten ihnen nur Videokameras den Blick auf die Welt, die so höllisch künstlich ausgesehen haben muß wie die Truman-Show in Peter Weirs filmischem Teufelswerk.

Für Theologen und Metaphysiker kommen Branson und Fosset wie gerufen. Da hocken vernünftige Menschen, gelangweilt von ihrer Zivilisation, in einer fensterlosen Monade und liefern sich ein Rennen gegen die vergehende Zeit und die Widrigkeiten der Natur. Dabei vertrauen sie allein dem göttlichen Schein technischer Augen. Dann stürzen sie ab und müssen aus dem Meer gefischt werden. Beweisen die fliegenden Höhlenbewohner nicht das lange Leben einer philosophischen Urmetapher? Ist nicht die moderne Gesellschaft, der die Ballonfahrer entsteigen, selbst eine Höhle, in die kein Licht dringt und die in ihrer selbstgewählten Blindheit kein anderes Ziel mehr kennt, als ihre Ausgänge zu verriegeln?

Der Sinn des Lebens ist den Menschen nicht einfach gegeben

Über die Phänotypen dieser unfreien Freiheit herrscht Eintracht. Dann scheiden sich die Geister. Konservative Theologen wie Ratzinger möchten die Vernunft mit dem Glauben versöhnen und das moderne Bewußtsein an die christliche Heilsmetaphysik zurückbinden, selbst wenn von Selbstbestimmung wenig mehr bleibt als die Freiheit, im Beichtstuhl der katholischen Kirche die Sünden des Daseins zu offenbaren. Die Kirche sei ein Fels gegen das Vergessen. Sie erinnert die Menschen daran, daß ihre Existenz, wie sie auch sei, unwiderruflich im Zeichen des Kreuzes steht; daß alles Leben sich vollzieht unter den Bedingungen von Schicksal und Krankheit, Endlichkeit und Tod. Außerhalb der christlichen, der überlegenen, zeitlosen und tröstlichen Wahrheit muß das Leben ein unlösbares Rätsel bleiben, an dem alle Vernunft, alle Aufklärung zuschanden wird. Nur die Heilsmetaphysik, die dem Menschen versichert, er sei aufgehoben in der unendlichen Liebe Gottes, leistet Widerstand gegen den Teufelsglauben einer Moderne, die mit gentechnischem Hochmut alles Leiden abschaffen will.

Für Johann Baptist Metz und seine Schüler ist "Heilsmetaphysik" ein Reizwort. Nach allem, was geschehen ist, nach den Erfahrungen des barbarischen Jahrhunderts führe kein Weg zurück: weder zu einer neuheidnischen Seinslehre noch zu einer Christologie, die behauptet, das Heil der Geschichte, der Sinn des Lebens und das "Sein selbst" seien uns als transzendente Wahrheiten einfach gegeben. Die Katastrophen des Jahrhunderts haben alles Welt- und Gottvertrauen zerstört, und noch nie in der Geschichte der Menschheit war Hiobs Frage so quälend - die Frage, warum Gott die Vernichtung der europäischen Juden zugelassen hat und die "Fürsten der Welt" gewähren ließ.

Deshalb ist der Satz, aus Auschwitz sei heute nichts mehr zu lernen, falsch. Der Zivilisationsbruch lehrt die Nachgeborenen, daß nicht der antike, auf Weltversöhnung zielende Anteil des Christentums ins Gedächtnis gerufen werden muß, sondern das jüdische Erbe, das Denken der unendlichen Gerechtigkeit und die Erinnerung an das Leid der Unschuldigen. Jerusalem statt Athen.

Nichts zeigt den Konflikt innerhalb der Theologie klarer als diese Formel. Denn Metz wirft der katholischen Kirche vor, sie sei vom hellenistischen Geist geblendet und deshalb blind für den himmelweiten Unterschied zwischen Unglück und Unrecht; blind für die Differenz zwischen dem unverschuldeten Leiden an der condition humaine und dem verschuldeten Leiden an jenem Unrecht, das Gesellschaften ihren Mitgliedern zufügen, kurz: zwischen dem existentiellen Leiden an Krankheit und Endlichkeit und dem gesellschaftlichen Leiden an Rechtlosigkeit und Entfremdung. Damit wird für Metz das konservative Lamento über die "unheimliche Freiheit" gegenstandslos. Unheimlich ist nicht die Freiheit selbst, sondern die Vergeßlichkeit, von der moderne Gesellschaften befallen sind; unheimlich ist die Amnesie, mit der Demokratien das maßlose Leid ihrer Vorgeschichte aus dem Blick verlieren; unheimlich schließlich ist der Hochmut moderner Höhlenbewohner, denen das Bewußtsein schwindet, daß auch ihre Normen und Regeln einmal der Erfahrung von Unfreiheit und Ungleichheit entsprungen sind.