Konrad Adenauer machte wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs einen revolutionären Vorschlag: Deutsche und Franzosen sollten als Zeichen der Versöhnung fortan zwei Pässe führen. 135 Millionen Menschen wären heute Deutschfranzosen, und der gegenwärtige Streit um die doppelte Staatsbürgerschaft hätte sich erübrigt. Edmund Stoiber und Erwin Huber, Wolfgang Schäuble und Jürgen Rüttgers wären selbst Doppelstaatler.

Aus Adenauers schöner Idee wurde nichts, und es ist fraglich, ob er zur Vertiefung der deutsch-türkischen Freundschaft ähnliches geraten hätte. Immerhin zeigte sich der erste deutsche Bundeskanzler gegenüber der Mehrstaatlichkeit aufgeschlossener als seine Enkel und Urenkel heute. Die Unterschriftenkampagne der Unionsparteien gegen das Reformprojekt der rot-grünen Regierung spaltet. Dabei wäre nichts dringlicher und erstrebenswerter als ein parteiübergreifender Kompromiß.

Alle Einbürgerungsoffensiven verpufften bisher vor allem aus einem Grund: Wer einen deutschen Paß erhält, muß seinen alten abgeben. Dieser Verzicht ist jedoch für viele Ausländer, vor allem für Türken, ein schier unüberwindbares Hindernis. Das hat emotionale, familiäre, kulturelle, manchmal auch rechtliche Ursachen. Deshalb will Rot-Grün die Mehrstaatlichkeit als Einbürgerungshindernis grundsätzlich streichen. Ein Angebot, man könnte nach Jahrzehnten der integrationspolitischen Ignoranz auch von einer Bringschuld reden, das vor allem den Türken in Deutschland gilt. Sie bilden mit rund 2 Millionen Angehörigen die größte Ausländergruppe. Hingegen sind Gastarbeiter, die einst aus Italien, Spanien oder Griechenland hierherzogen, mittlerweile EU-Bürger, dürfen Bürgermeister und Gemeinderäte wählen und sind auch sonst in vielem den Deutschen gleichgestellt.

Wer gegen den großzügigen Umgang mit doppelten Staatsbürgerschaften Einwände erhebt, ist nicht gleich ein Reaktionär und Reformfeind. Es gibt berechtigte Fragen. So werden doppelte Staatsbürgerschaften nach dem Abstammungsprinzip von Generation zu Generation weitervererbt - aber vervielfachen sich damit nicht rechtliche Probleme? Überdies: Wecken Doppelstaatler Neid? Sie haben durchaus Vorteile; so kann ein Deutschaustralier wählen, ob er Medizin in München oder in Sydney studiert. Wie vertragen sich diese Privilegien dauerhaft mit der Gleichheit vor dem Gesetz? Vor allem aber: Folgt auf die Reform weitere Zuwanderung? Die Sorgen von morgen wollen bedacht sein.

In dieser Woche hat Bundesinnenminister Otto Schily der Öffentlichkeit seinen Entwurf für ein neues Staatsbürgerschaftsrecht vorgestellt. Die Vorlage hebt den deutschen Staat keineswegs aus den Angeln, aber eine kleine Rechtsrevolution entfacht sie schon. Nicht weil doppelte Staatsbürgerschaften toleriert werden, sondern aus einem ganz anderen Grund: Rot-Grün will endlich Schluß machen mit dem überkommenen Grundsatz, daß Deutsche nur von deutschem Blute sind. Das Abstammungsprinzip (Jus sanguinis) wird durch das Bodenrecht (Jus soli) ergänzt, der Rechtsanspruch auf Einbürgerung wird deutlich vereinfacht und ausgedehnt. Kurz: Die Bundesregierung räumt gründlich auf mit der lang gehegten Selbsttäuschung, Ausländer seien nur geduldete Gäste und könnten nach Belieben fortgeschickt werden.

In wenigen Paragraphen bündelt sich, was Jahrhundertreform genannt werden darf: Ausländer haben bereits nach 8 Jahren rechtmäßigen Aufenthalts einen Anspruch auf Einbürgerung (bislang nach 15 Jahren), Minderjährige schon nach 5 und ausländische Ehepartner nach 3 Jahren. Ein ausländisches Kind, das hier zur Welt kommt und dessen Vater oder Mutter entweder hier geboren wurde oder bereits als Kind eingewandert ist, soll mit der Geburt Deutscher werden. Hinter knappen juristischen Formulierungen verbirgt sich ein neues Staats-, vor allem aber ein neues Bürgerverständnis. Der Berliner Historiker Heinrich August Winkler nennt das "Wandel von der Abstammungs- zur Abstimmungsgesellschaft". Die Staatsbürgerschaft orientiert sich am Lebensmittelpunkt der Menschen - wie es angemessen ist für eine offene Gesellschaft.

Nicht Deutschtümelei und Rassenwahn haben das neuzeitliche Abstammungsrecht begründet, sondern purer Pragmatismus. Deutschland war vor knapp 200 Jahren ein buntscheckiges Allerlei aus Reichen, Fürstentümern, Klein- und Kleinststaaten. Ein Staatsvolk ließ sich nur herstellen, indem man an die Zugehörigkeit zu einem Volksstamm, dessen Tradition und Kultur anknüpfte. Wegweisend für das deutsche Staatsangehörigkeitsrecht von 1913 wurde das preußische Untertanengesetz von 1842. In Paragraph 13 hieß es: "Der Wohnsitz innerhalb Unserer Staaten soll in Zukunft für sich allein die Eigenschaft als Preuße nicht begründen." Die deutsche Nationalbewegung und die Romantiker überhöhten jedoch das Abstammungsprinzip ideologisch und verhalfen ihm so zu einer Monopolstellung, die es bis heute innehat. Zum "Blutrecht" pervertiert wurde dieser Grundsatz unter den Nationalsozialisten.