Heute, Ende der neunziger Jahre, ist die Apokalypse eine öffentliche Angelegenheit, mehr gefeiert als gefürchtet. In den Achtzigern war sie eine persönliche Realität, eine Angst in unseren Köpfen, die uns zusammenschweißte. Weshalb die Apokalypse nicht selten für gemütliche Stimmung sorgte. Die besetzten Häuser wurden geräumt, aber unseren Glauben an das bevorstehende Ende konnte keiner uns nehmen. Während die Wälder starben, wucherte der Hanf auf den Berliner Balkons, und im Dunst der WG-Küchen wurde der Widerstand organisiert: gegen Gorleben und die Mittelstreckenraketen, gegen Reagan, Breschnew und Zimmermann. Wir waren zu Hause in unserer Hysterie. Libyen und Tschernobyl bestätigten nur unsere Gewißheit, daß nichts ist, wie es scheint. Die Welt war ein Wahnsystem, dem anders als mit Verschwörungstheorien nicht beizukommen war. Oder mit Hilfe der Datenguerilla des Chaos Computer Clubs.

Hans-Christian Schmid, 1965 im bayerischen Wallfahrtsort Altötting geboren, machte damals gerade Abitur. Er organisierte eine Schülerzeitung und trug auf den Demos eine Jeansjacke mit sämtlichen wichtigen Buttons der Öko- und Friedensbewegung. Seit er Filme dreht, erzählt er von denen, die sich im Labyrinth ihrer Überzeugung verirren. Geschichten von Verblendung und Ernüchterung, von 68er-Eltern und ihren halbwüchsigen Kindern (Nach fünf im Urwald) , von Spielsüchtigen (Sekt oder Selters), Katholiken (Die Mechanik des Wunders) und Sektenmitgliedern (Himmel und Hölle). In 23 rekonstruiert er eine Irrfahrt der achtziger Jahre und legt ihr eine wahre Begebenheit zugrunde: die Geschichte vom Leben und Sterben des paranoiden Computerhackers Karl Koch.

Hans-Christian Schmid und sein Co-Autor Michael Gutmann haben Karls Biographie zur Zeitreise verdichtet. Mit dem Spürsinn von Archäologen fördern sie eine Epoche der Bundesrepublik zutage, die nur zehn Jahre später wie eine mythische Vergangenheit erscheint. Die Zeit vor dem Mauerfall war eine Endzeit: Allein das Outfit - Parka, Kordhosen und häßlich gemusterte Hemden - macht aus Karl und seinen Kumpels lauter Ritter von der traurigen Gestalt. Schon die Farben des Films atmen den Mief einer verschworenen Gemeinschaft von verpickelten Jünglingen vor Korktapeten, Ziegelsteinregalen und unförmigen Laptops mit selbstgebastelten Akustikkopplern. Nur die Songs von Ton Steine Scherben, Deep Purple und den Flying Lizards versprechen einen Aufbruch, der niemals stattfindet. "Freier Informations-Zugang für alle", lautet das Credo der Hacker. Aber Karls Welt wird zunehmend zum geschlossenen Zirkel, zur Klausur in grauen, braunen, entsättigten Tönen.

Je mehr er sich in die eigenen Phobien verstrickt, desto mehr verengt sich sein Blick. Hans-Christian Schmid verwendet keine filmischen Tricks oder Effekte, um den Verfolgungswahn seines Helden auf die Leinwand zu bringen. Aber er vergegenwärtigt dessen stille Panik so präzise, daß die Entfremdung den Zuschauer wie ein schleichendes Gift infiziert. Die Kamera erkundet die kalte Rückseite der Provinzstadt Hannover samt ihrer Fußgängerzone. Sie registriert die Nervosität an den Grenzübergängen auf der Transitstrekke und die Blicke der Fahrgäste in der S-Bahn nach Ost-Berlin. Und sie speist die selektive Wahrnehmung der Katastrophenjunkies mit den Nachrichtenbildern der achtziger Jahre.

Karl und wie er die Welt sah: Da fühlt sich einer von Geheimdiensten umzingelt und ist doch nur schrecklich allein. Da lebt einer nachts - wegen der billigen Tarife - und verpaßt am Tag seine Jugend. Als Karl und David ihren gefährlichsten Datenklau in einer Telefonzelle bewerkstelligen, hängt die Welt am Netz, aber die Jungs finden kaum einen Quadratmeter Platz. Die Kamera auch nicht. So beschwört sie die Atmosphäre eines Jahrzehnts und gleichzeitig die Schwierigkeit einer Generation, sich auf dem Weg zum Erwachsensein nicht selbst abhanden zu kommen. Beinahe unmerklich entsteht ein beklemmendes Bild von der Einsamkeit eines Zwanzigjährigen. Kein anderer jüngerer deutscher Film bringt uns einen Zeitgenossen ähnlich nahe. Deshalb gehört 23 zum Besten, was das einheimische Kino derzeit zu bieten hat.

Jede Wahnwelt hat ihre phantastischen Seiten. Bei aller Wahrhaftigkeit ist 23 weniger Thriller und Psychodrama als vielmehr ein irrwitziges Spiel mit Ziffern und Zeichen. Vor allem mit der Zahl 23 und ihrer Quersumme 5, den magischen Symbolen der Illuminaten. Augenzwinkernd übernimmt der Film den Geheimcode von Karl und reichert die Eckdaten von der BRD-Gründung (23. 5. 1949) bis zu Karls Todestag (23. 5. 1989) mit den verrücktesten Assoziationen an. Wer das Kino verläßt, wird weiterspielen. Und zum Beispiel im Zentrum der Hauptstadt am Potsdamer Platz ein gigantisches Plakat in Augenschein nehmen. "Das Neue Berlin 23. 5. 1999" ist darauf zu lesen. An diesem Tag beginnt in Berlin die Zukunft, zehn Jahre nach dem Tod von Karl Koch. Nur die Quersumme hat sich geändert.