Gegen den Haarausfall schien kein Kraut gewachsen. Seit Menschengedenken verloren die Männer mit der Jugend auch den Kopfschmuck. Weder Tabletten noch Tinkturen verhinderten den Schwund. Doch jetzt haben Forscher der amerikanischen Pharmafirma Merck & Co (in Europa MSD, Merck Sharp & Dohme genannt) eine Art Viagra für die Haarwurzel entdeckt: Propecia heißt die erste Pille, die die Glatzenbildung wirksam unterdrückt. Mit einem Rezept sind die braunen achteckigen Tabletten ab Montag in der Apotheke zu kaufen.

"Bisher war die Kastration der einzige Weg, den männlichen Haarausfall zu stoppen", sagt Rudolf Happle. Der Direktor der Hautklinik der Universität Marburg, der seit 25 Jahren in der Dermatologie arbeitet und selbst seit 30 Jahren eine Glatze trägt, hatte eigentlich nicht mehr geglaubt, seinen schütteren Patienten statt Trost ein wirksames Mittel mit auf den Weg geben zu können. "Propecia kann ein hilfreiches Medikament sein, ohne daß es die männliche Sexualfunktion beeinträchtigt", urteilt Happle über die Pille, die nicht von den Krankenkassen bezahlt wird.

Die genetisch bedingte Glatzenbildung beginnt typischerweise mit den Geheimratsecken und kann zum völligen Haarverlust führen. Die in der Kopfhaut sitzenden Follikel, das Bildungsgewebe des Haars, werden mit zunehmendem Alter immer winziger, bis sie schließlich absterben. Eunuchen sind davon nie betroffen, können sie doch nach Entfernung der Hoden keine männlichen Hormone mehr produzieren. Daß aber komplett Kahle besonders potent sind, ist ein Märchen. Sie verfügen nämlich keinesfalls über mehr männliche Hormone, sondern lediglich über besonders empfindliche Haarwurzeln. Das ist keine Krankheit. Eine sich lichtende Kalotte ist vielmehr als sekundäres Geschlechtsmerkmal anzusehen, das schon bei einem Drittel der unter 30jährigen beobachtet werden kann. Im hohen Alter steigt die Zahl der verglatzten Männer gar auf 80 Prozent.

Propecia kann diesen natürlichen, aber für manchen bedrückenden Verlust stoppen. Das zumindest legt das Ergebnis internationaler Studien nahe, die eine Gruppe um den Merck-Wissenschaftler Keith D. Kaufmann veröffentlicht hat (Journal of the American Academy of Dermatology , Bd. 39, S. 578): Unter 1215 Männern, die zwei Jahre lang täglich eine Propecia-Pille schluckten, wurde der Haarausfall in 83 Prozent der Fälle gestoppt. In einer Kontrollgruppe - hier erhielten die Männer ein wirkstoffloses Placebo - waren es nur 28 Prozent. Die Forscher haben die Haare auf dem Hinterhaupt gezählt, und zwar auf einer Fläche von der Größe eines Zweimarkstücks. Dort standen zu Beginn der Behandlung im Mittel 876 Haare. Zwei Jahre später waren den Propecia-Probanden in dem Areal durchschnittlich 138 Haare mehr geblieben als den Placebo-Schluckern.

Doch offenbar kann Propecia nicht nur den Verlust der Haare aufhalten, sondern auch verkümmerten Haarfollikeln, die nur noch Flaum hervorbringen, zu alter Kraft verhelfen. Bei immerhin zwei Dritteln der Patienten wurde ein verstärktes Haarwachstum beobachtet. Wie bei den meisten Probanden trat bei Klaus W. die Wirkung nach ungefähr einem halben Jahr ein. "Auf einmal lagen nach dem Duschen nicht mehr so viele Haare im Sieb. Und der Wuchs ist auch etwas stärker geworden", sagt der Mann. Sein brauner Schopf läßt zwar Ansätze von Geheimratsecken erkennen, aber er lichtet sich nicht weiter.

Warum Propecia Frauen nicht helfen kann, ist ein Rätsel

Wer allerdings bereits kahl ist wie Manfred Krug oder Heiner Lauterbach, dem wird die Pille nicht helfen. Denn wenn ein Haarfollikel erst einmal abgestorben ist, dann kann sie ihre Wirkung nicht mehr entfalten. Warum aber rund 17 Prozent der Männer mit nur schütterem Haar gar nicht auf das Mittel ansprechen, können die Forscher bisher nicht erklären. Ebenso bleibt rätselhaft, weshalb Propecia bei Frauen keine Wirkung zeigt. Auch bei ihnen kann nach den Wechseljahren eine androgenetische Alopezie auftreten, die sich in einem diffusen Haarausfall zeigt. Frauen im gebärfähigen Alter sollten ohnehin das Mittel strikt meiden: Der Wirkstoff Finasterid kann bei einem männlichen Fetus Fehlbildungen an den Geschlechtsorganen verursachen.