Haben wir uns zu früh gefürchtet? Vor zwei, drei Jahren grassierte in der Öffentlichkeit die Sorge, Deutschland könne sich in eine herzlose Ellbogengesellschaft verwandeln. Marktextremisten wie Hans-Olaf Henkel, der Präsident des Bundesverbandes der deutschen Industrie, oder FDP-Generalsekretär Guido Westerwelle führten das große Wort. Die Rücksicht auf den sozialen Frieden, das Nationalheiligtum der alten Bundesrepublik, wurde als "Konsensgesülze" der Lächerlichkeit preisgegeben. Die Spiegel- Journalisten Hans-Peter Martin und Harald Schumann machten in ihrem Bestseller Die Globalisierungsfalle die Kostenrechnung einer Welt grenzenlosen Wettbewerbs auf, aus Frankreich klangen die Brandreden des Soziologen Pierre Bourdieu gegen das stabilitätsbornierte "Prinzip Tietmeyer" und die Hilferufe der Schriftstellerin Viviane Forrester gegen den Terror der Ökonomie herüber. Sozialstaat, Kooperation und Korporatismus, gar die Gleichheitsidee - das alles wurde schon totgesagt, mit frivoler Erleichterung oder mit Trauer und Zorn.

Und heute? Wer redet noch von Henkel oder Westerwelle? Die Avantgarde von gestern steht unbeachtet am Wegesrand. Auch ihre Ideen sind dahingeschmolzen wie Schnee in der roten Sonne. Die Politik der neuen Bundesregierung ist unverkennbar sozialdemokratisch, in einem ganz traditionellen Sinne. "Grausamkeiten" gegen die "kleinen Leute" werden wiedergutgemacht, bei Renten, Lohnfortzahlung und Selbstbeteiligung im Gesundheitswesen. Die Steuerreform, mit deren Wachstums- und Arbeitsplatzverheißungen Kohl die Bundestagswahl gewinnen wollte, soll nun vor allem soziale Gerechtigkeit schaffen. Die Gewerkschaften sind wieder ein ernstzunehmender Machtfaktor. Das freie Spiel der Marktkräfte steht seit der Asienkrise unter Chaosverdacht, alle Welt spricht von Koordination und Kontrolle. Das Europa-Bild wandelt sich: vom Öffnungs- und Deregulierungsprojekt zum schützenden Groß-raum, durch Lafontaine abgeschirmt gegen die Angriffe des Raubtierkapitalismus, von Schröder verteidigt gegen die Begehrlichkeiten der Habenichtse im Osten. Wirtschaftlich und sozial ist die Politik aufs Behüten und Bewahren gestimmt, auf das Ausweichen vor Zumutungen und Veränderungen.

Vielleicht muß man sich mit dem Gedanken vertraut machen, daß die Wähler in ihrer Mehrheit genau das gewollt haben, was sie nun, die beschränkten Spielräume heutiger Regierungen eingerechnet, tatsächlich bekommen: einen "Politikwechsel" nach links, hin zum "Sozialen", die Einstellung des Weniger-Staat-Trommelfeuers und die Wiederversammlung der Gesellschaft in einer durchaus alten Mitte. Als Zeuge des inhaltsleeren Wahlkampfs hatte man sich angewöhnt, den Wechsel von Kohl zu Schröder als bloße Entscheidung für ein "neues Gesicht" herunterzuspielen. Oder, das war die andere, optimistischere Variante: Man hielt den publizistisch artikulierten Überdruß am "Reformstau" für eine echte Volksstimmung und deutete das Wahlergebnis als Dokument des Aufbruchswillens. Und wenn es nun weder das eine noch das andere war, sondern das entschiedene Votum, nun sei es aber genug mit all den Aufforderungen zu einem "Ruck", der durch das Land gehen müsse, mit "unbequemen" Reformen, "harten" Schnitten und enger geschnallten Gürteln?

Der Göttinger Politologe Franz Walter hat darauf hingewiesen, daß sich die bürgerliche Koalition in den Jahren 1994 und 1995, als von kraftvollem Regieren wahrlich nicht die Rede sein konnte, durchaus passabler Zustimmungsraten erfreute. Erst seit 1996, als vor allem Wolfgang Schäuble von spätem Reformeifer gepackt wurde, ging es demoskopisch bergab. In seinem neuen Buch Zeit, das Visier zu öffnen hat auch Heiner Geißler den Anfang vom Ende der Regierung Kohl auf jenes Jahr 1996 terminiert, als die Union unter dem Einfluß der FDP und der Unternehmerverbände in der Frage der Lohnfortzahlung die Gewerkkschaften brüskierte und das erste Bündnis für Arbeit scheitern ließ.

Seit Mitte der neunziger Jahre beobachtet das Institut für Demoskopie Allensbach eine bemerkenswerte Verschiebung in der Wertehierarchie der Deutschen: Das Freiheitsideal verliert an Kurs, die Hochschätzung der Gleichheit nimmt zu. Wer das als Fixierung auf die Schlachten von gestern, auf die anachronistische Alternative "Freiheit oder Sozialismus" abgetan hatte, mag mittlerweile ins Nachdenken kommen. Die Liberalisierungsoffensive ist in der Tat ins Stocken gekommen, zumindest im politischen Bewußtsein, wo sie ja auch weitgehend stattgefunden hatte; ihre Auswirkungen auf die Realität hielten sich ohnehin in engen Grenzen. Die Allensbacher haben ihre Beobachtung zu der These zugespitzt, west- und ostdeutsche Weltsicht glichen sich paradoxerweise auf dem Niveau des Ostens an, in der Übernahme seines Egalitarismus und seiner Staatsgläubigkeit.

Vor diesem Hintergrund, nicht so sehr vor dem einer "Bewältigung" der DDR-Vergangenheit, mag man auch die zunehmende politische Gewöhnung an die PDS sehen. Es ist ja, trotz beträchtlicher historischer Verstocktheit, nicht eigentlich eine echte Totalitarismus-Sympathie, die diese Partei so fragwürdig macht. Es ist ihr vollkommen ungebrochener Wohlfahrts- und Umverteilungseifer, der Hang zum Schuldenmachen und der Kinderglaube an ein soziales Nullsummenspiel, bei dem man lediglich "die Reichen" kräftig schröpfen muß, um Geld in Hülle und Fülle für Kindergartenplätze und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zu haben. Nicht die untergegangene Sowjetunion, sondern das Schweden der siebziger Jahre ist das Gelobte Land der PDS.

Das ist kein obsoleter Restbestand, keine DDR-Nostalgie, die sich mit der Zeit von selbst verliert. Das Versorgungs- und Bevormundungsdenken hat vielmehr eine lange nationale Tradition; und der Osten mag in diesem Sinne tatsächlich, wie gelegentlich bemerkt, das deutschere Deutschland sein. Nur wachsen inzwischen die Zweifel, ob der Westen wirklich soviel weniger deutsch, ob nicht auch er auf dem Rückweg in ein schon aufgegeben geglaubtes Sozialdeutschtum ist.