Mein Freund Henry verkauft sein original australisches Didgeridoo - samt Lehrbuch, das die Blastechnik dieses urweltlichen Musikinstruments erklärt. Für Henry ist nämlich eine Welt eingestürzt. Schuld daran ist der amerikanische Geochronologe Gifford Miller. Der hat aufgrund von Eierschalendaten errechnet, daß Genyornis newtoni in Australien vor 50 000 Jahren plötzlich ausgestorben ist. Dieser straußengroße, flugunfähige Riesenvogel wog zwei Zentner. Miller macht für das Aussterben des Federviehs die Aborigines verantwortlich - und dieser Sündenfall der Uraustralier ist ein schwerer Schlag. Für Henry.

Seine Indizien hat Forscher Miller am Freitag in der Zeitschrift Science (Bd. 283, S. 205) veröffentlicht. Das ist vor allem deswegen sehr ärgerlich, weil Henry auf die ökologisch-moralische Integrität der Aborigines gesetzt hat - in der Hoffnung, daß der von Jean-Jacques Rousseau 1753 skizzierte edle Wilde real existiert.

Es ist nicht das erste Mal, daß eifrig forschende Wissenschaftler Henrys Glauben beschädigten. Von Dingen wie "Einklang mit der Natur" sprach er einst im Zusammenhang mit Indianern. Diesen Mythos aber hat 1995 der US-Anthropologe Charles E. Kay beerdigt. Schon vor Kolumbus' Ankerwurf hatten indianische Jäger unter anderen das letzte Mammut und den archaischen Bison in die ewigen Jagdgründe geschickt.

Eine Zeitlang liebte Henry friedfertige Naturvölker in der Region Polynesien. Damit war es vorbei, als der Anthropologe Jared Diamond in Discover schilderte, wie die Osterinsulaner auf ihrem Eiland gewütet hatten. Von der üppigen Flora und Fauna ließen die Bewohner bis zur "Entdeckung" durch den Holländer Jacob Roggeveen 1722 nur insektengroßes Getier und Gräser übrig - nebst 240 geheimnisvollen Monolithen.

Henry leidet weiterhin an Sigmund Freuds "melancholischem Syndrom". Er projiziert auf unbekanntes Fremdes, was er selbst gerne sein möchte. Gestern hat er mir gedroht, sich nun zum derzeitigen Popstar gutmenschlicher Normalos zu bekennen. Mal sehen, wie lange er mit dem Dalai Lama glücklich ist.

Sein Didgeridoo ist übrigens für 300 Mark zu haben.