Geheimbünde beherrschen die Welt und versuchen, das Denken der Menschen zu kontrollieren. "Du fühlst Paranoia aufkommen? Ausgezeichnet. Illumination steht auf der anderen Seite des absoluten Schreckens. Du mußt voll und ganz realisieren, daß du ein Fremder bist und ängstlich in einer Welt, die du nicht gemacht hast", fordern die Diskordier. Vielleicht auch die Illuminaten. Weltverschwörer in jedem Fall, gute oder böse.

Natürlich ist das alles nur verrückte Fiktion, zusammengesponnen von Robert Anton Wilson und Robert Shea in ihrem dreibändigen Werk Illuminatus!. Andererseits: Sie füttern ihre phantastischen Geschichten um Computer, Verschwörer und Drogenexzesse so geschickt mit historischen Tatsachen - auch die Illuminaten sind als geheime Gesellschaft des 18. Jahrhunderts echt -, daß Realität und Fiktion manchmal nicht zu trennen sind.

"Seit mehreren Jahren war ich in eine Hauptfigur der Romantrilogie Illuminatus vernarrt", schreibt Karl Koch einige Monate vor seinem Tod in einer Bewerbung für einen Therapieplatz zum Drogenentzug. Diese Hauptfigur heißt Hagbard und kämpft gegen die Verschwörung, gegen Dummheit und für Informationsfreiheit. Karl nennt sich Hagbard, wenn er als Hacker von Hannover aus weltweit in Computersystemen unterwegs ist.

"Es gibt Rollen, die Schizophrene anscheinend besonders gern annehmen. Jesus ist eine, Hagbard ist auch eine", sagt der Regisseur Hans-Christian Schmid, der in seinem jüngsten Film 23 Karl Kochs Leben nachzeichnet. Schmid erzählt von einem "sehr guten Freund, der, ähnlich wie Karl Koch, Illuminaten- und Paranoiaprobleme" bekommen hat. Diese Erfahrung war für ihn der Anstoß, Karl Koch zu seiner Filmfigur zu machen, sein Leben dramaturgisch zuzuspitzen, aber letztlich doch ganz nah an den Menschen heranzukommen.

"Er hat das ja alles tausendmal gelesen", sagt Jojo, einer von Karls Computerfreunden, der heute einen Rechnernotdienst betreibt. - "Er konnte es ja nicht trennen", sagt Urmel, ein KGB-Mithacker, mittlerweile legal in einer Softwarefirma mit Computern befaßt. Gemeint ist, daß Karl gelegentlich die Realität entglitt.

Seit 1986 - da ist er 20 - spioniert Karl mit vier anderen Hackern Daten aus amerikanischen Militärrechnern für den KGB aus; anfangs, um dem "Kräfteausgleich" zu dienen. Später, weil er Schulden hat. Richtig klassisch, Übergang Bahnhof Friedrichstraße, bringen sie die kodierten Daten in den Osten. Clifford Stoll, ein Astrophysiker in den USA, verfolgt die Hacker über ein Jahr lang unerbittlich und mit Hilfe sämtlicher Geheimdienste durch die Netze. Zeitweise wird Karl vom BND observiert, der sogar einen Schlüssel zu seiner Wohnung besitzt. In dieser Zeit verabschiedet er sich oft tage- und nächtelang zu Hacksessions von der realen Welt, um mit seinem Atari ST in virtuelle Welten einzutauchen. Ein paar Befehle, und ein Großrechner irgendwo auf dem Erdball beginnt zu arbeiten. Selbst Planspiele amerikanischer Militärs für einen Atomkrieg in Westeuropa fallen den Hackern in die Hände.

Hasch, später Koks, gelegentlich auch Speed und LSD-Trips waren Karls Begleiter. "Nach so einer richtigen Blubber sind die Gedanken natürlich viel klarer", sagt Jojo, der Computerfreund, heute. - "Natürlich haben wir viel gekifft damals, aber Drogen spielten in Karls Leben keine so große Rolle, wie es vielleicht den Anschein hat", sagt Freke, ein enger Schulfreund, der mit Computern nichts am Hut hatte und heute PDS-Abgeordneter in Berlin ist.