Der Held meiner Kindheit ist unsterblich, da er nie gelebt hat. Ich las über ihn nachts im Bett, das in einer eiskalten Kammer stand. Elektrisches Licht durfte ich nicht benützen, aber ich besaß eine Taschenlampe mit kostbarer Batterie. War sie leer, begannen Sehnsucht und Jammer. Tagsüber zu lesen kam mir nicht in den Sinn. Es wäre profan gewesen.

Rulaman hauste als Mitglied der Tuklasippe in einer Höhle der Schwäbischen Alb, wo es nur Holz- oder Torffeuer und Kienspäne gab. Die Sommer am Ende der Eiszeit waren kurz und heftig, die Winter tobend. Rulaman lernte handwerkliche Fertigkeiten, konnte klettern und endlos laufen, schlief, eingewickelt in Moos und Farne, am liebsten im Urwald. Vielleicht fühle ich mich in Wäldern deshalb immer geborgen, nachts wie beschützt.

Rulaman wanderte als Kundschafter bis zum Bodensee, in die Gegend des heutigen Unteruhldingen, wo wieder Pfahlbauten zur Anschauung stehen. Er lernte ein leichteres Leben kennen, war verlockt, zugleich voll Argwohn. Kalats brachen in bekannte Stammesgebiete ein, überlegen mit Waffen und Gerätschaften aus Bronze versehen.

Der schon am Anfang herrschende völkische Ton des Buchs nahm zu, was mir mitten im Krieg keinerlei Schwierigkeiten bereitete. Kehrte ich vom Dienst zurück, saß ich in Pimpfuniform auf dem Klavierhocker und erhielt von meinem Großvater ganz anderen Unterricht. Wir hörten Nachrichten der BBC und von Radio Monte Ceneri, Tessin, wußten alles, warteten auf Franzosen und Marokkaner, die uns befreien würden von der braunen Pest und der Totenkopf-SS.

Interessant verwunschen blieb Rulaman. Sein Schöpfer, Christoph David Friedrich Weinland (1829-1915), studierte im Tübinger Stift, wurde Zoologe, tat sich in Amerika um, fuhr nach Haiti. Ein Pfeiffrosch heißt nach ihm: Eleutherodyclus weinlandi Barbour. Wegen eines Halsleidens, das ich gern kennen möchte, siedelte er sich im Württembergischen an, hielt Vorträge, beriet Zoologische Gärten und schrieb für seine Söhne auf dem Gut Hohen-Wittlingen bei Urach den Rulaman.

Das Buch ist überaus kenntnisreich gearbeitet. Für jedes Kapitel gibt es einen Anhang, in dem Gattungen und Begriffe erklärt werden. Weiland benützte für Tiere, Pflanzen und Namen geschickt zahlreiche Sprachen: Gälisch, Hebräisch, Latein, Lappländisch, Polnisch, Tatarisch, Arabisch. Beispiel: Das einst in süddeutschen Waldungen lebende Nashorn heißt bei ihm Numba (javan.). Oder: Sabliga (russ.) für Buchfink; Farka (ung.) für Wolf; Karga (baskir.) für Rabe. Die Welt Rulamans hat mich tief beeindruckt. Ob es sich um eine Zipfelkappe, einen Knochenhammer oder um ein Regenbogenschüsselchen handelte, die Wörter leuchteten geheimnisvoll wie Spinnkunkeln, keltische Zinnverzierungen an Giebeln von Pfahlhütten. Daß der Rulaman nach seinem Erscheinen 1876 über Jahrzehnte hinweg in Finnland wie in Brasilien gelesen wurde, interessierte mich nicht mehr. Ich bestaunte meinen Helden, litt mit ihm, als er zuletzt mit der alten Parre allein in der Staffahöhle wohnte, verfolgt von einem Druiden, den die Älteste, welche nur mit ihrem langen, weißen Zottelhaar bekleidet war, mit sich in die Tiefe riß. Und der junge Recke? Er schritt in die Ferne, würde eine neue Generation gründen.

Ohne ihn wäre ich vielleicht kein Schriftsteller geworden oder nur ein Vorsichtiger, vor allem kein Ausdauernder. Wehe dem, der keinen Rulaman hat!

· Christoph David Friedrich Weinland: Rulaman. Naturgeschichtliche Erzählung aus der Zeit der Höhlenmenschen; Deutsche Verlags-Anstalt, ; 336 S., 32,- DM