Was steht in einem Buch, das nicht erzählt? Antworten auf diese - zugegeben - naive, aber nicht unwichtige Frage gibt Friederike Mayröcker mit ihren Prosawerken in immer neuen Variationen. Und da diese Bücher in rascher Folge, beinahe jährlich, erscheinen, kann man sie durchaus als work in progress betrachten. Und doch sind sie auch eine heimliche Autobiographie. Heimlich, weil sich Friederike Mayröcker gegen alles unmitelbar Erzählerische ja immer verwahrt hat. Autobiographie, weil die Bedingungen dieses fortgesetzten Schreibexperiments das alltägliche Erleben und Vergehen von Lebenszeit sind.

In dem neuesten Buch geht es um eine Liebe; aber eben auch um den Rausch des Wörterfindens, das Fußbad unterm Schreibtisch, die geschriebenen und gesprochenen Worte unter Freunden, die dreckige Wäsche und die "weihevolle Arbeit".

So stolpert man als Leser bereits an der Schwelle zum Buch das erste Mal. Drinnen gibt es einen Joseph, dem diese letzte Liebe gilt und der sie anscheinend gar nicht will oder vielleicht nur teilweise und gesprächsweise. So genau erfährt man es nicht. Joseph wird nicht aufgeschlüsselt; er erscheint nur bruchstückhaft, bekommt keine Gestalt, seine Gefühle keinen Raum. Joseph ist nicht mehr und nicht weniger als ein Teil - wenn auch ein wichtiger - des sprunghaften, sich fortspinnenden Monologs, mit dem die Autorin und Bewohnerin ihr Gehäuse ausfüllt.

Sobald man sich an die Enge gewöhnt hat, erliegt man leicht und gerne seiner Faszination. Eine Faszination, die nicht nur dadurch entsteht, daß die Sprache sich so vielseitig und unerschöpflich, verspielt und magisch zeigt, sondern auch dadurch, daß die Autorin mit Charme und nicht ohne Eitelkeit uneingeschränkt auf das Wesentliche konzentriert bleibt: das Ich. Um diese Mitte herum schlägt die Sprache ihre Feuerräder.

Joseph - ach, Joseph, der wird nur zitiert, herbeizitiert und wegzitiert; seine freundliche Abwehr scheint hauptsächlich darauf gerichtet, bloß keine Geschichte aufkommen zu lassen. Der Text mit seinen manchmal überbordenden Wendungen, seinen sehnsüchtigen Klagelauten, seinen kleinen und spitzen Selbstermutigungen, gemildert durch die weise Selbstironie einer erfahrenen Ich-Schreiberin, lebt von seiner Abwesenheit. Joseph ist lediglich Anlaß, vielleicht auch Vorwand, für Flexionen und Reflexionen von Gesten, Gesprächen, Gefühlen.

Das Papierhafte seiner Existenz wird dabei gleich mitbedacht, mit hineingenommen in den großen Monolog: "... daß du in meinen Schriften kommst und gehst und auftauchst und schwindest und sprichst und rufst, als seiest du tatsächlich 1 lebendiges Wesen, wo du doch nur etwas Schriftliches, etwas Geschriebenes, eine Zettel Figur, 1 Pappkamerad, was weiß ich, bist ..." Wenn man nun daran festhalten will, dies sei ein erzählendes Werk, der Geliebte einfach eine Fiktion, wird man hier zum zweitenmal stolpern. Denn es geht nahtlos weiter und um die nächste Kurve herum, tiefer hinein ins Gehäuse: "... wie kann ich dir überhaupt noch begegnen, wo du in Frage stellst, indem du dich in meinen Schriften verkörperst, ob du leibhaftig vorhanden, also austauschend Blick und Worte, Berührungen, Zeichen ..."

In diesem Satz, dem Bruchstück eines Satzes, liegt die ganze Spannung dieser Schreib- und Lebenshaltung beschlossen: das Dilemma der Beschreibbarkeit schlechthin, die ja immer eine Form der Vereinnahmung ist. Beobachtet, aufgeschrieben, zitiert, wird das Lebendige - Mensch, Geliebter, Liebe - wie alles andere zum Schreibstoff, wird zum, wie Heiner Müller nonchalant sagte, Material.