Wenn man vom Flughafen aus auf dem San Diego Freeway nach Norden fährt, sieht man das Getty Center aus dem Häusergewirr von Los Angeles wachsen wie ein gigantisches steinernes Raumschiff. Himmelhoch und blendend weiß streckt es seine stolzen Strukturen über die vorderste Kuppe der Santa Monica Mountains, und man fragt sich, ob es auf Erden wohl eine Kunstsammlung gibt, die diesem Standort gewachsen wäre.

Die J. Paul Getty Collection ist es jedenfalls nicht. Zwar trifft man je einen Rembrandt, Raffael, Tizian, Turner und Gainsborough in den vier Museumspavillons, und im Impressionistensaal hängt als jüngster Beweis Gettyscher Geldmacht jener Sonnenaufgang von Monet, den die Stiftung gerade für einen ungenannten Millionenbetrag in Frankreich erworben hat. Aber gegen den Blick von der Außenterrasse kommen diese Schätze nicht an. Wenn man vom Getty aus auf den endlos nach Süden flutenden Stadtozean hinunterschaut, rechts der Pazifik, links die Türme von Downtown L.A., mittendrin die Linien der Boulevards, wird man blind für die Wunder der Kunst. Dort unten glänzt die Vision der Zukunft, hier oben prangen die Bilder der Vergangenheit - und zwischen beiden vermittelt, mehr stotternd als flüssig, Richard Meiers architektonische Prosa.

Erst wenn man den Engpaß des Parkhauses überwunden und mit der elektrischen Schienenbahn die Steilhöhe erklommen hat, verwandelt sich die abwehrende Gebärde der Steine in eine umarmende. Ein Hof mündet in den anderen, Fenster reißen die Fassaden auf, und die Zitadelle weitet sich zum Campus. Jetzt käme es nur darauf an, dem Auge den Weg zur Kunst zu weisen. Aber genau das geschieht nicht. Von Meiers gleißenden Mauern geblendet, verirrt sich der Betrachter in einem Labyrinth, das selbst seine Hüter gelegentlich narrt. Am Sonntag nach Thanksgiving, unter einem mattgrauen Novemberhimmel, schrillten im Ostpavillon zwischen den flämischen Meistern auf einmal die Alarmsirenen los; über Lautsprecher hieß es, man habe die Situation unter Kontrolle, aber ein paar Minuten lang flatterte aufgeregtes Getty-Personal in alle Richtungen, als suchte es nach einer Geheimtür.

Dreimal fuhr ich mit der Elektrobahn hinauf. Beim dritten Mal ging ich an den Gemälden vorbei zur "digital experience" im Westpavillon, wo man mit Getty-Computern im Internet herumstöbern darf. Zwei Stunden lang besuchte ich die großen Sammlungen der Welt, den Prado, den Louvre, die Uffizien, das Metropolitan in New York, die Museen von Tokyo und Sydney. Vielleicht ist das ja die geheime Botschaft des Getty: daß all seine Mauern, seine marmornen Massen und Trassen in Wahrheit keine Bedeutung mehr haben, weil die Museen der Zukunft an keinen Ort mehr gebunden sein werden. So wie es in Los Angeles schon jetzt keinen Unterschied zwischen Zentrum und Peripherie, Stadt und Nichtstadt mehr gibt, sondern nur noch Ballungen, Wüstungen, Tagstraßen, Nachtstraßen, Wohn- und Büroviertel, die regellos miteinander verschmelzen.

Aber das nur nebenbei.

Die L.A. Stories erscheinen dreiwöchentlich im Wechsel mit der Kolumne "Speersort"