Geblieben ist der Regen. Ein Schweberegen, der in der Luft hängt wie kalter Küchendunst. Der Regen, der nicht fällt, durchnäßt das Haar und die Kleider wie ein Wolkenbruch. Der Shannon schäumt wie nach einem Wassersturz durch sein schwarzgraues, moosgrün beflecktes Bett. Die Menschen eilen mit in die Taschen geklemmten Händen und hochgeschlagenen Mantelkrägen die O'Connor Street hinauf und hinab.

Winter in Limerick, im Westen Irlands. "Der Regen schuf eine Kakophonie aus trockenem Husten, bronchitischem Rasseln, asthmatischem Keuchfauchen, schwindsüchtigem Krächzen. Nasen verwandelten sich in schleimige Quellen, Lungen in prall mit Bakterien vollgesogene Schwämme." So steht es auf Seite zwei von Frank McCourts Bestseller Die Asche meiner Mutter. Die Kindheitserinnerungen des in Limerick aufgewachsenen Amerikaners, wirbt der Einband, gehörten "zum Schrecklichsten und zugleich Schönsten, was je über Irland und die Besonderheiten der irischen Seele geschrieben worden ist. Und jedes Wort davon ist wahr."

Den Fish-and-Chips-Laden gibt es nicht mehr

Schlimmer als eine normale unglückliche Kindheit, schreibt McCourt, sei "eine unglückliche irische Kindheit, und noch schlimmer die unglückliche irische katholische Kindheit". Das Buch erschien 1996. In den USA wurde es mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. In der neuen Universität der alten Provinzstadt im irischen Westen erhielt McCourt einen Ehrendoktor. Gerade wird die Geschichte verfilmt. Die touristische Vermarktung hat begonnen. Im Sommer veranstaltet Bus Eireann Touren im Doppeldeckerbus an die Schauplätze. South's Pub in der O'Connor Street, die St.-Josephs-Kirche, die Erlöserkirche, Leamy's National School. Die Windmill Street, wo der kleine Frank mit seiner Familie die Nacht nach der Ankunft verbrachte. Der "Park mit einer hohen Säule und einer Statue obendrauf", das erste, was sie von der Stadt sahen.

Die Ankündigung schränkt - um Enttäuschungen vorzubeugen - ein, das in dem Buch beschriebene, elende Gassenleben der dreißiger und vierziger Jahre sei größtenteils verschwunden. "Das heutige Limerick ist eine moderne und pulsierende Stadt."

Die Asche meiner Mutter? "Asche im Arsch", hatte der Mann, der mich im Volvo 940 GL vom Flughafen in die Stadt chauffierte, vom Leder gezogen. "Alles erdichtet und erfunden. So wie der McCourt Limerick beschreibt, war das auch damals nicht. Aber den Amerikanern gefällt's. Den Deutschen auch. So wollen sie uns sehen. Am liebsten noch im Eselskarren. Zuerst waren die meisten Leute hier ziemlich sauer, als das Buch rauskam. Jetzt hoffen alle auf die Touristen. Jeder will Geld aus ihnen quetschen."

Im Winter zogen die McCourts, Franks Erinnerungen zufolge, in ihrem jämmerlichen Backsteinhaus in Barrack Hill aus dem überfluteten Parterre in den trockeneren ersten Stock, nach "Italien". Barrack Hill ist jetzt eine lindgrün gestrichene Reihenhausanlage mit Einbruchalarm über jeder Tür und Stellplätzen für zwei, drei Autos vor jedem Haus. Fiat Puntos, Citroën Clios, VW Polos.

Jetzt ist South's Pub ein mit Mahagoniholz aufgemöbelter Nullachtfünfzehn-Schuppen. Auf der Rückwand flimmert ein Breitwand-TV. Irgendeine Talk-Show mit superdicken Gästen, die sich in ihren Sesseln kaum rühren können. Bei Gleeson's liegt im Fenster zur O'Connel Street antiquarischer Krimskrams aus, graue Krüge und staubige Tonfässer der Whiskeyfirma Jamieson. Drinnen piepsen Mobiltelefone in den Handtaschen stark geschminkter Sekretärinnen mit weit aufgeknöpften Blusen. Punch's Cross ist ein Großraumrestaurant an einer verkehrslärmdonnernden Ausfallstraße.

Den Fish-and-Chips-Laden neben dem Monument des Nationalhelden O'Connel, den Frankie so liebte, weil der Fisch und die Fritten köstlich schmeckten und die Limonade säuerlich die Kehle hinunterrann, gibt es nicht mehr. Man geht jetzt beim Italiener zum Essen, oder man nimmt in Paul's Restaurant "klassische und kreative Variationen mit besten Meeresfrüchten" zu sich. Leamy's National School, wo die Lehrer die bösen Buben mit Lederriemen, Rohrstöcken und Schwarzdornzweigen malträtierten, ist ein stilvoll renoviertes Bürohaus. McCourts Limerick ist dem mit Regionalentwicklungsmilliarden aus Brüssel angefeuerten irischen Wirtschaftsboom gewichen. Nur der Park mit der hohen Säule und einer Statue obendrauf ist unverändert.

Am Morgen hängt der Schweberegen immer noch in der Luft. Im Frühstücksraum des Royal George Hotel bläst der Vertreter einer Textilfabrik aus dem Schwäbischen zwei irischen Geschäftspartnern mit lauter Stimme den ökonomischen Marsch, den er eben der Frankfurter Allgemeinen entnommen hat.