Festgemauert in der Erden steht sie: Rosa. Sonntag nacht wurde sie einzementiert, die lebensgroße Bronzefigur der Rosa Luxemburg, am Haupteingang der PDS-Zentrale, dem Karl-Liebknecht-Haus in Berlin-Mitte: sozialistischer Realismus, expressiv deformiert; die Hände einmal schlaff, einmal verkrampft geballt; der gebauschte Rock signalisiert etwas - aber was? Für die meisten Mitglieder des PDS-Vorstandes ist sie ein "unerwünschtes Geschenk". Die Umstände um die Plastik sind jedenfalls pikant und aufschlußreich. Verantwortlich für die Aktion zeichnet ein "Anti-Eiszeit-Komitee" von Traditionalisten. Die Rede zur Enthüllung hielt der ehemalige stellvertretende DDR-Kulturminister und jetzige Thüringer Landtagsabgeordnete Klaus Höpcke, der die "illegale Aktion" ausdrücklich guthieß. Ein Denkmal für die Partei soll es sein.

Der Parteivorstand verbrauchte am Montag fast drei Stunden allein für diesen Fall - und das auf seiner letzten Sitzung vor dem Parteitag: ein Stück aus Absurdistan und zugleich ein Symptom für den Zustand der PDS. Die Plastik paßt in die Serie politisch rückwärtsgewandter Signale, mit denen die Partei nach ihrem großen Wahlerfolg die Öffentlichkeit erfreute. Begonnen hatte es mit der unverschämten Amnestie-und Haftentschädigungsforderung für DDR-Täter von Evelyn Kenzler, der Rechtsexpertin der Bundestagsfraktion, und es ging bis hin zum Skandal über den Honorarvertrag für den ehemaligen Nato-Spion "Topas", Rainer Rupp. Auch der Fall der Bronze-Rosa ist vielsagend. Nach großen Anstrengungen war es gelungen, im Berliner Bezirk Mitte eine Mehrheit für ein Rosa-Luxemburg-Denkmal auf dem gleichnamigen Platz vor der Volksbühne zu gewinnen. Es gibt einen Initiativkreis, immerhin mit Namen wie Walter Jens und Micha Brumlik. Dieser Versuch einer kulturellen Öffnung wäre natürlich vorab gescheitert, wenn vis-à-vis schon die bronzene Rosa aus der PDS-Zentrale grüßt.

"Die Leute verstehen nicht", erzählt Bundestagsvizepräsidentin Petra Bläss, "daß wir nur um die Amnestie kreisen, während Rot-Grün regiert." Für die Dresdener Bundestagsabgeordnete Christine Ostrowski zeigt sich eine Ignoranz gegenüber den wirklichen Problemen der Gesellschaft, die im Grunde einen "Bruch unseres Wahlversprechens bedeutet". "Wie können wir die Regierung an ihre Wahlversprechen erinnern, wenn wir uns nur um die Interessen der Ewiggestrigen kümmern?" Der Parteivorsitzende Lothar Bisky, der Integrationsbeschwörer, betont hilflos, die PDS sei dennoch "keine Geschichtspartei".

Konfliktstoff gibt es genug vor dem Parteitag. Aber was tun? Für André Brie muß alles vom Vorstand ausgehen. Einerseits sei der bisherige Vorstand der "bislang beste", andererseits ist er gescheitert. "Noch nie war ein Parteitag so schlecht vorbereitet." Der Vorstand diskutiere "über alles mögliche", aber er zeige weder Führung, noch bringe er die Programmdebatte voran. "Wir haben noch nicht einmal über Lothars Grundsatzrede gesprochen." Auch auf der letzten Sitzung am Montag, die neun Stunden dauerte, stand sie nicht zur Debatte.

Fast nur "Anträge, für die wir uns schämen müssen"

Stehen Vorstandssitzungen für den inneren Zustand der Partei? Jedenfalls hielt erst einmal Vizefraktionschef Wolfgang Gehrke, verantwortlich für Rupps Honorarvertrag, ein langes Referat, das den Exspion aus seiner 68er-Zeit verstehen wollte. Der Arbeitsvertrag sei "auch ein Signal an die Berliner Republik". Was für ein Signal? Dann ging es um Rosa Luxemburg. Brie erwähnte dreimal, daß die Partei bei den Umfragen vier Prozentpunkte verloren habe. Keine Resonanz. Der Parteiphilosoph Dieter Klein beschwor die Realität einer sozialdemokratischen Arbeitsmarktpolitik nach dem Vorbild von New Labour, während die PDS für ihren ideologisch korrekten "ÖBS" (öffentlichen Beschäftigungssektor) nicht einmal eine realistische Finanzierung anzubieten habe. Für Biskys Parteitagsrede konnte er nur den Segen einer vorkommunistischen Instanz herbeiflehen: Er wünschte, daß ihm "Gott helfen möge".

Der Vorstand jedoch behandelte die "Antragslage": fast nur Anträge von der Hamburger Sekte der reinen Lehre und der Kommunistischen Plattform - "Anträge, für die wir uns eigentlich schämen müssen" (Brie). Da sollten vor allem die diversen "Grundkonsense" der PDS "bestätigt" werden. "Werden wir nur noch Bestätigungsparteitage haben?" fragte süffisant eine junge Vorstandsfrau. Jedenfalls ist die Bestätigung die verbale Entsprechung für die Einzementierung der Rosa-Statue.