Mit dem größeren Deutschland steigt der Bedarf an Tradition. Braucht deshalb die Republik jetzt das klassische Weimar? In diesem Jahr feiert man aufwendig Goethes 250. Geburtstag. Das Ilm-Athen, der mythische Ursprungsort der deutschen Kulturnation, wird sich zudem als Kulturhauptstadt Europas präsentieren. Von der Koinzidenz zwischen Regierungsumzug und nationalkultureller Inszenierung mag so der verführerische Reiz ausgehen, die glanzvolle Tradition der Dichter und Denker in die Debatten um die Berliner Republik einzubringen, nachdem nationale Mythen wie die von Hermann, den Nibelungen oder Barbarossa längst ideologisch verschlissen sind.

Weimar ist ein besonders problematischer Fall. Die ehemalige Residenzstadt ist nämlich nicht irgendein Ort, den man einfach wie "1000 Jahre Castrop-Rauxel" abfeiern kann. Sie läßt sich schwerlich zum makellosen Musenort stilisieren. Die Puppenstube des deutschen Bildungsbürgertums mit ihren Olympiern, Museen, Archiven, Parkkunstwerken, Standbildern, Gedenk- und Ruhestätten ist eine Puppenstube mit Todesrauch. "Zwischen uns und Weimar liegt Buchenwald", mahnte 1949, bestürzt über den unbekümmerten Goethe-Kult, der aus dem Exil zurückgekehrte Germanist Richard Alewyn. Auf solche Formulierungshilfen zur Charakteristik des ambivalenten Ortes wird man im Festjahr ebenso zurückgreifen wie auf die verharmlosenden Metaphern von Licht und Schatten oder Glanz und Elend.

Karriere aber dürfte jenes Wort machen, das Martin Walser in seiner Friedenspreis-Rede benutzt hat. Walser sprach, das sollte stutzig machen, nicht von Schuld oder Verantwortung, sondern von Schande. Das Wort Schande erlaubt eine moralische Gepäckerleichterung für die Schuldbeladenen auf ihrem Weg in die Normalität. Schuld an der Schande sind in der Regel nämlich die anderen. Wer von "unserer Schande" redet, kann Auschwitz beim Namen nennen und doch zugleich Täter wie Nachgeborene entlasten. Denn Schande meint, daß von außen etwas an sich ehrenvoll Gutes in seinem Ansehen beschädigt wird. Daher umgangssprachlich: "Mach mir keine Schande." Von der Schande dürfte im Feierjahr häufiger die Rede sein, kann man doch so die "Ehre" der deutschen Nationalkultur und ihrer Trägerschicht retten. Weimar sei, konnte man in der Berliner Zeitung (6. Oktober 1998) lesen, zum "Inbegriff deutscher Größe und deutscher Schande geworden".

Aber gerade Weimar ist kein Ort der Schande, sondern ein Ort der Schuld. Genauer: der Schuld des deutschen Bildungsbürgertums. Daran sollte man erinnern, um dem kollektiven Gedächtnis jene Geschichte von normativer Höhe und freiem Fall einzuprägen, die im deutschen Symbolort ihre makabre Spannweite offenbart. Gewiß, andere Erinnerungsstrategien sind derzeit gefragter, wie die anschwellende Literatur zum Festjahr zeigt. Man kann - wie der FAZ- Redakteur Thomas Steinfeld - der Faszination des Musenhofes erliegen und den elegischen Wunschtraum nach Geborgenheit in erlesenen Zirkeln, nach autonomer Entfaltung im Medium der Künste träumen. Weniger nostalgische Geister mögen nochmals jene großen ideengeschichtlichen Linien entwerfen, die das Übel mit Luther beginnen und mit Hitler enden lassen. In dieser Perspektive wird die lutherische, im klassischen Weimar säkularisierte Zwei-Reiche-Lehre vom Reich Gottes und vom Reich der Welt für jene obrigkeitsfromme und kunstreligiöse Geistigkeit verantwortlich gemacht, die sich von den Nationalsozialisten mißbrauchen ließ. Solche an Helmuth Plessner geschulte Lesart erlaubt eine gewisse Distanz zu den Akteuren - und verhilft gleichzeitig zu einem ideengeschichtlich geadelten Blindenausweis.

Wer aber das Nebeneinander von Klassik und Konzentrationslager, von Goethe-Verehrern und mordender SS, von Weimarer Dichtertreffen und Lagerappell erklären will, der sollte das deutsche Bildungsbürgertum, die eigentliche Trägerschicht der Klassiklegende, nicht einfach entschuldigen. Diese Gefahr besteht auch dann, wenn der nationalkulturelle Mythos Weimar mit der Legende erweitert wird, die Republik sei "durch rechts und links" zerstört worden. Die sinnvolle Frage nach der "Entliberalisierung der bürgerlichen Mitte" (Dieter Langewiesche) braucht dann erst gar nicht mehr gestellt zu werden. Etwas vereinfacht ergibt sich folgendes verharmlosende Szenario: Die beiden deutschen Diktaturen brechen katastrophisch von außen in den unschuldigen Wallfahrtsort des Bildungsbürgertums ein, mißbrauchen dessen guten Ruf für die eigene Propaganda und instrumentalisieren die Klassik. Aus dieser Sicht erscheinen das nationalsozialistische Konzentrationslager und das sowjetische Speziallager Nr. 2 als Tiefpunkte einer Mißbrauchsgeschichte, die erst im Jahre 1989, mit der Wiedervereinigung, beendet ist.

Überraschend ist eine solche Lesart nicht. Jeder Mythos braucht, um seine Wirkung entfalten zu können, ein erzählerisches Nacheinander, das aktualisierbar bleiben muß. Gerade der Symbolort Weimar eignet sich zu so einer Entwicklungsgeschichte, die in unterschiedlichen Phasen erzählt werden kann. Weimars Aufstieg und Höhepunkt, sein vermeintlich goldenes Zeitalter, beginnt demnach mit einem mäzenatischen Sonderfall - mit den jungen, bürgerlichen Literaten, mögen sie Wieland, Goethe, Herder oder Schiller heißen. "Eng ist die Welt, und das Gehirn ist weit." Im Provinznest entstehen Werke von weltliterarischem Rang, und es ist deren Humanismus und Universalismus, der den Mythos Weimar gegen einen ideologischen Verschleiß schützt, dem andere nationale Mythen längst erlegen sind.

Nicht mythologisierungsfähig, weil glanzlos und jämmerlich, ist eine andere Geschichte. Bald werden die Weimarer Klassiker zu bevorzugten Aktivposten des deutschen Bildungsbürgertums und seiner Mandarine. Vor allem Goethe und Schiller werden für ein liberales Projekt, für die nationalkulturelle Einheit, in Dienst genommen - ein Projekt, das der staatlichen Einheit zunächst vorarbeitet. So werden Goethe und Schiller auf den Sockel gestellt und bleiben doch nicht wirkungslos. Diese Instrumentalisierung gipfelt in der nationalistischen Symbiose aus Potsdam und Weimar, aus Militärmacht und Geistesmacht.