Ich war beunruhigt. Zum ersten Mal seit meiner Entlassung aus dem Gefängnis war ich beunruhigt, und während ich langsam durchs Bayerische Viertel ging, wurde mir klar, daß ich eine endlose Zeit in einem Zustand vollständiger Benommenheit zugebracht hatte. Zum ersten Mal seit meiner Entlassung nahm ich auf dem Weg zum Victoria-Louise-Platz das Wetter wahr: Es war November, es war trüb, Blätter lagen auf dem nassen Gehweg und versuchten vergeblich zu glänzen, die Autos fuhren mit Licht, und ich kehrte aus jenem Dämmer zurück, der mich zugleich umgab. Ich mußte mit Harald sprechen.

Ich wußte, daß Harald meine prekäre Lage kannte. Wahrscheinlich besser als ich selbst. Ich verstand nicht, wie ich mich Woche um Woche, Monat für Monat mit nichts anderem hatte befassen können als mit diesen Telefonaten aus dem Off in dieser unverständlichen Sprache. Etwas mußte passieren, und Harald würde mir helfen herauszufinden, was.

Ich hatte Xenia seit meiner Entlassung nicht gesehen. Sie war es gewesen, die mich nicht hatte sehen wollen, und gut. Sie hatte jemanden kennengelernt. Gut. Ich hatte nicht über das Penthouse nachgedacht, in dem wir gewohnt hatten, vorher, kuppliges Dachgeschoß, Möchtegern, und die Wasserhähne alle Messingschwäne. Ich merkte, daß ich nicht geübt hatte, an Xenia zu denken und an das Kind schon gar nicht. Ich hörte rasch damit auf und klingelte bei Harald.

Es ist praktisch, über der Apotheke zu wohnen, sagte ich zu Gerda, als sie aufmachte. Gerda zog ihre Trainingshose hoch und das Gesicht zusammen, als sie mich sah, und sagte: Ach. Du bist's. Harald ist vor dem Fernseher. Harald zog auch das Gesicht zusammen, als er mich sah, und sagte: Junge, daß es dich auch noch gibt. Ich denke, das sollten wir feiern.

Er schickte Gerda nach unten, um etwas zum Feiern zu holen. Gerda sagte: Harald, es ist gerade mal Viertel nach vier, und um sieben kommen die Kinder, aber Harald sagte: Wann gibt's denn mal so was.

Nach dem dritten Klaren erzählte ich ihm von den Anrufen. Es kam mir vor wie Verrat, und ich merkte, in meiner monatelangen Benommenheit hatte ich mich daran gewöhnt, mit den Anrufen zu leben, als gehörten sie zu meinem Leben, zu mir, im Grunde, als seien sie Xenia, Xenia zur Zeit der Messingwasserhähne, als ich weder sie noch das Kind verstand, aber sie waren da, regelmäßig, fremd und verläßlich.

Harald sagte: Mensch, Junge, wir beide müssen mal wieder ins Stadion.