Wahrnehmen und Erkennen, Urteilen und Handeln, Lieben, und Hassen, Traum, Intuition, Denken, Lernen und Empfinden ... Die moderne Kognitionswissenschaft baut darauf auf, daß sich all das als Gefüge von Prozessen der Informationsverarbeitung darstellen läßt.

Die Seele als Informationsverarbeitung? Informationsverarbeitung bedeutet doch, daß in einem Computer aus einem Speicherwort 0010 0100 ein Speicherwort 0101 1010 wird. Die Seele als Gefüge von 0-1-Umwandlungen? Das kann doch nicht wahr sein. Vielleicht können bestimmte Formen des Denkens so dargestellt werden. Aber die Reichhaltigkeit und die verschiedenen Formen und die Wandelbarkeit menschlichen Denkens: das ist doch nicht 0-1! Und wie steht es mit den Gefühlen, mit der Phantasie, Intuition, Bewußtsein? Ein thymianduftender Vollmondabend auf der Terrasse eines alten Schlosses in der Provence: 0 und 1? Wütender Haß, glühende Liebe: 0 und 1? Nein!

Viel mehr als 0-1 machen unsere Nervenzellen ja gar nicht. Kann man dann gar die Liebe als gleichsam digitalen Prozeß beschreiben? Wenn man darangeht und Liebe einmal in ihre Bestandteile zerlegt, sie analysiert, dann kann man erkennen, daß solch hochkomplexes psychisches Geschehen durchaus aus einzelnen Informationsverarbeitungsprozessen zusammengesetzt ist. Liebe ist nichts Einfaches und taucht außerdem in vielfältigen Erscheinungsformen auf. Aber es gibt bestimmte Prozesse und Zustände, die man durchaus als Prozesse der Informationsverarbeitung erkennen kann. Motive zum Beispiel. Bei Liebe spielt natürlich Sexualität eine Rolle. Nehmen wir das Bedürfnis nach Vertrautheit, nach Bindung hinzu und die Neugier. Solche Motivationen lassen sich als Prozesse der Informationsverarbeitung darstellen. Man braucht dazu ein bestimmtes Konzept der Ist-/Sollwert-Abweichung, der Zielsetzung, der Aktivierung, der Berechnung von Handlungsprozessen, Erwartungen. Kognitive Prozesse spielen eine Rolle. Was wäre Liebe ohne Idealisierung? Was wäre Liebe, wenn man den Geliebten oder die Geliebte nicht makellos und fehlerfrei sehen würde? Wie kommen solche Fehlwahrnehmungen zustande? Beispielsweise durch Informationsabkapselung; man baut sich das Idealbild der geliebten Person so auf, wie man es haben möchte. Und diese Konstruktion eines Idealbildes kann man durchaus als Informationsverarbeitung beschreiben, die unter bestimmten Bedingungen stattfindet, etwa unter der Bedingung der Kontaktverweigerung. Man darf, damit ein solches Idealbild entsteht, nicht allzuviel Kontakt mit dem Objekt seiner Liebe haben. Und das kommt bei Liebesbeziehungen leicht dadurch zustande, daß sich das Ziel der eigenen Bestrebungen der Annäherung entzieht.

Zurückhaltung, Scham, Scheu: Mechanismen zur Erzeugung eines Idealbildes und damit Mechanismen zur Verstärkung der Liebe; nicht allein dadurch, daß die Frustration die Stärke des Begehrens erhöht, sondern auch dadurch, daß mangelnder Kontakt zur Idealisierung und damit zur Steigerung des Wertes führt.

Und wenn man das angestrebte Ziel nicht erreichen kann? Wenn das einzige, worum es sich lohnt zu kämpfen, unerreichbar erscheint, dann zeigen sich hier die Begrenztheiten der eigenen Fähigkeiten. Resignation und Verzweiflung sind die Folge.

Man kann also durchaus die Mechanismen und die dahinterstehenden Informationsverarbeitungsprozesse aufzählen, die eine glückliche oder unglückliche Liebesbeziehung ausmachen. Man muß nur sezieren, "Seelenanatomie" betreiben. Wenn man so beginnt und fortfährt, kann man Liebe durchaus als Informationsverarbeitung beschreiben.

Und das Gefühl für Schönheit? Wie soll es Informationsverarbeitung sein, daß man etwas schön findet?